Alternative Fakten von Bartz,  Christina, Borck,  Cornelius, Engell,  Lorenz, Fahle,  Oliver, Felsch,  Philipp, Gaderer,  Rupert, Geier,  Andrea, Koschorke,  Albrecht, Ludigs,  Dirk, Matala de Mazza,  Ethel, Menke,  Christoph, Paulus,  Jörg, Siegert,  Bernhard, Vagt,  Christina

Alternative Fakten

Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Heft 9/2/2018

Christina Bartz: Der Computer in der Küche

Der Honeywell Kitchen Computer von 1969 ist einer der ersten Rechner, der für den Heimgebrauch hergestellt wurde. Schon allein aufgrund seines wenig benutzerfreundlichen Interfaces, das im Widerspruch zur nicht-professionellen Nutzung in der häuslichen Sphäre steht, stellt er eine Kuriosität dar. Zugleich weist er Aspekte auf, die die Idee eines Computers zu Hause plausibilisieren. Dazu gehört u.a. die Gestaltung des Interfaces, aber auch die Küche als Ort der heimischen Arbeit.

In 1969, the Honeywell Kitchen Computer was the first data processor that was built explicitly for home use. Resembling something of an oddity, most of all because of its non-user-friendly interface that conflicts with the conditions of non-professional domestic use, the Honeywell Kitchen Computer at the same time shows some aspects which make the use of a computer at home plausible, i. a. the design of the interface and the factor of a kitchen being the place of domestic work.

Rupert Gaderer: Shitstorm. Das eigentliche Übel der vernetzten Gesellschaft

Der ›Shitstorm‹ bezeichnet das Phänomen, dass Personen, Unternehmen und Institutionen mittels digitaler Technologien beleidigt und herabgesetzt werden. Die Empörungswellen beginnen mit dem Zorn einzelner Personen und entwickeln sich aufgrund ihrer medientechnologischen Bedingungen zu einem Konflikt der vielen Adressen. Trotz der Tragweite des ›Symptoms‹ sind medienkulturwissenschaftliche Analysen äußerst selten. Angesprochen ist damit ein in diesem Artikel verfolgter Zugang, der erstens die Historizität digitaler Phänomene, zweitens die technologischen Infrastrukturen und drittens die damit verbundenen Operationen als ›Hetzschwarm‹ untersucht.

The term »shitstorm« describes the phenomenon of people, companies or institutions being abused and degraded via digital technologies. The waves of outrage start with the anger of a few individuals but then rapidly develop into a conflict of many participants due to their media-technological parameters. Despite the scope of the »symptoms«, mediacultural analyses of this phenomenon are few and far between. This in turn refers to an approach of the »shitstorm«-phenomenon taken in the present article: first it will discuss the historicity of digital phenomena, second the technological infrastructures, and third the operations linked with those infrastructures that can be considered a ›Hetzschwarm‹.

Christoph Menke: The Act of Negation: Logical and Ontological

Das Konzept der Negation ist der zentrale Operator bei der Unterscheidung zwischen historischem Wandel und natürlicher Evolution, welche grundlegend für das moderne Denken ist. Die Krise dieser Abgrenzung ist somit auch eine »Krise der Negation« (AlainBadiou). Der vorliegende Text untersucht die Krise, indem er zuerst Hegels Konzept der »bestimmten Negation« und deren Auswirkungen auf das moderne Verständnis von Revolution beleuchtet und erörtert im Anschluss zwei mögliche Alternativen, wie Negation noch verstanden werden kann: als abstrakte Negation (Luhmann) und als endlose Negation (Agamben).

​The concept of negation is the central operator in distinguishing between historical change and natural evolution, which is constitutive of modern thinking. The crisis of this distinction is therefore the »crisis of negation « (Alain Badiou). The text examines this crisis by first considering Hegel’s concept of »determinate negation« and its impact on the modern understanding of revolution and then discusses two possible alternative understandings of negation: abstract negation (Luhmann) and infinite negation (Agamben).

Jörg Paulus: Aktenunruhen

Von den Archivalien her gedacht, sind Aktenaushebungen Störungen einer historisch (in)formierten, oft auch kontingenten Ruhe. Als Operationsformen des Medialen ereignen sich Unruhen aber nicht nur in Folge von Interventionen. Sie sind in Akten immer schon vorgezeichnet (u.a. durch Leerstellen). Um sie beschreibbar zu machen, können Bündel aufgerufen werden, in denen sich (Un)Ruhe- Zustände historischer und aktenhistorischer Art überlagern. Unterschiedlich skalierte Eigenzeiten treten so in Erscheinung, Revolutionen und Idyllen.

When it comes to papers and documents from the archives, the re-evaluation or re-opening of such records is generally considered to be disturbances of a historically (in)formed and oftentimes contingent peace. As modi operandi of the media, however, upheavals do not only occur in the wake of interventions. Unrests have always been predetermined by records (i. a. via blank spaces). In order to transform those blank spaces into something describable, bundles of data can be drawn up about periods of time in which unrests ortimes of peace of historical and historically recorded scope overlap. Thus, differently scaled frames of time are brought to the forefront, describing revolutions and prosperous times.

Dirk Ludigs (Debatte): Jenseits von Reden

So heftig und kontrovers wie der von Patsy L’Amour LaLove, einer an der HU Berlin promovierten Geschlechterforscherin, herausgegebene Essayband (Beißreflexe, 2017) wurde seit langer Zeit kein (wissenschaftliches) Buch mehr diskutiert. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die sich selbst als aktivistische »Polittunte « verstehende Herausgeberin offensichtlich den Zeitgeist eines mit sich selbst strauchelnden Queerfeminismus getroffen habe: Solch eine Vielzahl an mehr als nur leidenschaftlichen Reaktionen allerlei Couleur konnte eine in erster Linie akademische Anthologie mit Texten zur aktuellen Verfassung der LGBTIQ*-Kultur und -Szene sowie zum Stand der akademisch geführten und im Zweifelsfall auch gelebten Queer Studies seit geraumer Zeit nicht verzeichnen – was sich unter anderem in der mittlerweile nun vierten Auflage des Titels innerhalb eines Jahres seit Veröffentlichung niederschlägt. Im Zuge der Debatte, welche in den letzten Wochen und Monaten in verschiedensten Medien (Zeit, Tagesspiegel, NZZ, FAZ, Süddeutsche) um die Publikation entbrannte, haben sich sowohl die darin versammelten AutorInnen als auch Judith Butler, Sabine Hark, Paula-Irene Billa, Alice Schwarzer und andere zu Wort gemeldet. Der selbst als Autor in besagtem Band vertretene freie Journalist und Redakteur Dirk Ludigs beanstandet seinerseits, dass die queeren akademischen Diskurse unserer Tage einem toten Rennen gleichen. Der Stellungskrieg der Kulturtheorien verändere nicht nur nichts mehr in den Köpfen aller Teilnehmenden, seine Debatten gehen zudem noch praktisch spurlos an all jenen vorbei, zu deren Verbesserung der Verhältnisse sie angeblich geführt werden würden. Es sei, so die Position des selber seit den 80er Jahren in der queeraktivistischen Szene Berlins sozialisierten Autors, an der Zeit, die (zu) weitgehende Akademisierung queeren Denkens und Handelns kritisch zu hinterfragen und nach fruchtbaren Quellen für einen anderen queeren Aktivismus zu suchen. Eine entgegengesetzte Position vertritt Andrea Geier. Auch sie räumt ein, dass die Identitätspolitik in eine Krise geraten sei –der Vorwurf, dass mehr um die Anerkennung von Identitäten statt für deren Überwindung gekämpft werde, würde darüber hinaus von Neudeutungen postmoderner Theorien begleiten werden sowie von der Frage, ob sich aus akademischen Theoriediskursen überhaupt noch emanzipatorisches Potential gewinnen ließe. Ihr Beitrag erörtert aus akademisch geschulter und kritischer Perspektive diese Entwicklungen und plädiert mit Nachdruck für eine Debattenkultur, welche sich mit intersektional geschärftem Blick notwendig komplexen Aushandlungsprozessen der uns heute in all ihren komplexen Facetten und Problematiken begegnenden Identitätskultur und -politik auseinandersetzt.

It has been a long time since a (scientific) anthology has been discussed so intensely and controversially as it has been the case with the volume of Patsy L’Amour LaLove (Beißreflexe, 2017), who achieved her PhD in Gender studies at the HU Berlin. It is not easy to shake off the impression that the editor, who thinks of herself as an activist »Polittunte« (political pansy) has captured the Zeitgeist of a queer-feminism that is at war with itself: a fact which is reflected in the multitude of rather passionate responses from all kinds of social backgrounds; no other first and foremost academic anthology composed of texts concerning the current constitution of the LGBTIQ*-culture and –scene as well as discussing the current status of academically argued and sometimes lived queer-studies has been able to garner so much attention. The huge success of this work is also reflected in this being the fourth edition within one year since its original publication. Referring to the debate kindled by the anthology which has been present in different newspapers over the past weeks and months (Zeit, Tagesspiegel, NZZ, FAZ, Süddeutsche), some of the authors have made a public statement as well as other public figures such as Judith Butler, Sabine Hark, Paula-Irene Billa and Alice Schwarzer. Free journalist and editor, Dirk Ludigs, who is an author of one of the articles from the anthology has since stated that today’s academic discussion concerning queer subjects resembles a dead heat. The practice of positional warfare in culture theories not only fails to evoke a change in the minds of its participants but rather passes by the very people whose circumstances it originally helped to alleviate. Being an author of the Berlin queer-activist scene since the 1980s he states that it is time to challenge the (too) extensive academisation of queer thinking and action and to be on the outlook for other sources of queer activism. Andrea Geier supports a contradicting position; she, too, acknowledges the crisis of identity politics – the accusation that the fight is mainly about recognition of identity and less about the triumph over it is backed up by new interpretations of postmodern theories as well as the question of whether it is possible to gain emancipatory potential out of academic theory-driven discussions. Her article discussed these developments from an academically educated and critical perspective and expressively supports the call for a culture of debate that, with a keen eye for intersectional themes, discusses the necessarily complex negotiation processes of identity culture and politics in all their facets and inherent problems.

Albrecht Koschorke: Linksruck der Fakten

Auf dem Feld der Theorie ist es zu einer Umpolung der politischen Vorzeichen gekommen. Was fünfzig Jahre lang Gegenstand einer linksemanzipatorischen Kritik war, ist zur Zielscheibe nationalistisch-autoritärer Bewegungen geworden: der Liberalismus, der Kapitalismus, die Globalisierung, das politische Prinzip der Repräsentation, der hegemoniale Charakter von Wahrheitsansprüchen. Lieblingsvokabeln der French Theory wie ›Dekonstruktion‹ und ›Simulation‹ sind in die Machtpraxis von Rechtspopulisten übergegangen. Kulturwissenschaftler dagegen finden sich in der ungewohnten Lage wieder, fact checking zu betreiben und gegen die Relativierung universell gültiger wissenschaftlicher Erkenntnisse zu demonstrieren. Der Beitrag fragt danach, wie angesichts dieser ›feindlichen Übernahme‹ das emanzipatorische Potenzial und die Erkenntnisleistungen des Poststrukturalismus verteidigt werden können.

There has been a reversion of political signs in the (academic) field of theory. What has been the subject of left-wing emancipatory critique during the 1950s has become the target of nationalist- authoritarian movements: liberalism, capitalism, globalization, the political principle of representation, the hegemonial character of truth claims. Favoured words of French Theory like ›deconstruction‹ and ›simulation‹ have assimilated with the exercise of power of right-wing populists. Cultural scientists on the other hand now find themselves in the completely foreign position of being tasked with fact checking and to rally against relativization of universally acknowledged scientific findings. This article asks how the emancipatory potential and the gaining of knowledge of poststructuralism can be defended against a ›hostile takeover‹.

Ethel Matala de Mazza: Politik und Lüge

Alternative Fakten sind in der Politik nicht neu. Verfechter der Staatsräson betrachteten die Lüge seit jeher als legitimes Mittel des Machterhalts. Für ›Tatsachen‹ begannen Wissenschaft und Presse sich erst später – und mit unterschiedlich ausgeprägter Neugier – zu interessieren. Inzwischen kehrt sich gegen beide ein gezielt gesätes Misstrauen. Der Beitrag geht dem Kalkül hinter den Lügen und Wahrheitszweifeln in der aktuellen Politik nach und versucht die Frage zu beantworten, wo darin die Staatsvernunft weiter regiert und wo nicht.

Alternative facts are by no means a new phenomenon in politics. Guardians of public policy have always considered lies an appropriate means by which to conserve power. It was only much later that science and the press became interested in ›facts‹ – and they did so with quite different concepts of inquisitiveness. In the meantime both have acquired a mistrust which has been purposefully plantedand carefully cultivated. This article investigates the scheming behind the lies and doubts of truth in the current political landscape and tries to answer the question in which cases alternative facts can still be considered a means of reason of state and in which cases they cannot.

Christina Vagt: Auslagerung des Intellekts

Worum geht es in den aktuellen Vorwürfen, die Postmoderne hätte den aktuellen populistischen Diskurs um alternative Fakten vorbereitet? Ausgehend von Latours Elend der Kritik diskutiert der Artikel die Genealogie von Wahrheits- und Evidenzkritik vor und nach den Anfängen des Computers. Dabei lässt sich zeigen, dass vor aller Wahrheits- und Evidenzkritik zunächst ein Misstrauen in den menschlichen Intellekt steht, welches in den frühen Entwürfen künstlicher Intelligenz und der Auslagerung des Intellekts in lernende Maschinensysteme ein vermeintliches Ende findet. Nicht zufällig ruft Herbert A. Simon 1969 in seinem Standardwerk The Sciences of the Artifical Arthur Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung auf, wenn er schreibt, dass die Welt viel mehr eine künstliche, vorgestellte als eine natürliche sei. Anders als im 19. Jahrhundert verspricht jedoch nun die Computersimulation Einsichten in bisher unzureichend verstandene Komplexitäten menschlichen Verhaltens. Das Resultat dieser maschinellen Kritik ist ein ökonomisch-technologischer Komplex, in dem Rationalität nicht mehr als Funktion des Subjektes, sondern als Funktion der Maschine interpretiert und das Politische auf die Ebene des Affektiven reduziert wird.

What is really behind the recent accusations of postmodernism being responsible for preparing the current populistic argument about alternative facts? Based on Bruno Latour’s »Why has Critique Run out of Steak? From Matters of Fact to Matters of Concern«, this article discusses the genealogy of truth- and evidentness critique before and after the beginnings of the computer. This will lead to the realization that before all critique concerning truth and evidentness there is already a distrust in the human intellect which comes to an alleged end in the early drafts of artificial intelligence as well as in the outsourcing of intellect into adaptive machine-systems. It is not by accident that Herbert A. Simon refers to Arthur Schopenhauer’s Welt als Wille und Vorstellung in his standard reference work The Sciences of the Artificial from 1969 when he states that the world resembles more of an artificial, imagined one than a natural. Different from the 19th century, the computer simulation these days promises insight into the complexities of human behaviour that have until now been understood only incompletely and insufficiently. The result of machine-based critique is an economic-technological complex in which rationality is no longer interpreted as the function of the subject but as the function of the machine, while politics is reduced to the level of affect.

Oliver Fahle: Das Postfaktische und der Dokumentarfilm

Die Rede vom Postfaktischen bestimmt die aktuelle Diskussion zur vermeintlichen Objektivität der Berichterstattung audiovisueller Massenmedien. Eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die durch das Postfaktische aufgeworfen werden, ist jedoch nicht neu, sondern bereits auf vielfältige Weise in klassischen und aktuellen Theorien des Dokumentarfilms diskutiert worden. Der Artikel plädiert dafür, den Begriff des Postfaktischen unter Hinzuziehung dieser Theorien (und auch filmischer Produktionen) von Vertov, Grierson, Balàzs, Buñuel und Niney fruchtbar zu machen.

The talk of post-truth dominates the current discussion concerning the alleged objectivity of news-coverage via audio-visual mass media. An examination of the problems raised by post-truth, however, is nothing new but rather has been discussed in many ways by traditional and contemporary documentary film-theories. This article makes a case for revitalizing the term of post-truth with the help of those theories (as well as cinematic productions) by Vertov, Grierson, Balàzs, Buñuel and Niney.

Cornelius Borck: Wahrheit, Wirklichkeit und die Medien der Aufklärung

Herausgefordert durch die Verbreitung von alternative facts, fordern Wissenschaftsinstitutionen die Anerkennung ›alternativloser Fakten‹. Dabei wird die Wissenschaftskritik häufig als Mitschuldiger für die Krise ausgemacht. Die Debatte verkennt nicht nur die historisch-epistemologische Kontingenz neuzeitlicher Wissenschaft, sondern ist ignorant gegenüber der sprachlichen Verfasstheit und Medienabhängigkeit von Wissenschaft. Um auf diese Herausforderungen zu antworten, braucht die Gesellschaft dagegen eine medientheoretisch erweiterte Wissenschaftskritik. Denn Wissenschaft und Medien gehören zu den Wirklichkeiten, in denen wir leben.

​Challenged by the spread of alternative facts science institutions now call for ›facts without alternatives‹. Time and again the critique of science is partly being held responsible for the current news crisis. The ongoing debate not only choses to ignore the historic-epistemological contingency of modern science, it also remains ignorant of its linguistic constitution and media-dependency. Ideally, in order to answer this challenge society needs a critique of science that includes a media-theoretical approach. Because both science and media are part of the realities in which we live.

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