Die Morgenthau-Legende von Greiner,  Bernd

Die Morgenthau-Legende

Zur Geschichte eines umstrittenen Plans

Anhand der Geschichte Morgenthaus und seiner Anhänger wird deutlich, weshalb es im 20. Jahrhundert so schwierig war und ist, Wege zur Eindämmung von Gewalt und staatlichen Verbrechen zu finden.

Henry Morgenthau, Jr. hat hierzulande noch immer einen üblen Leumund. Wegen einer Denkschrift, die er im September 1944 vorlegte, wird Morgenthau gern als „jüdischer Racheengel“ geschmäht. Er habe, so die landläufige Rede, Deutschland in ein „Ackerland“ verwandeln und 80 Millionen Menschen dem Hungertod preisgeben oder zur Auswanderung zwingen wollen.
Anhand der umfangreichen, bisher nur bruchstückhaft ausgewerteten Tagebücher des amerikanischen Finanzministers Morgenthau wird klar, daß man bereits in den frühen vierziger Jahren über die enge Verzahnung deutscher Großbetriebe mit den Nazis informiert war. Als er seine umstrittenen Gedanken zu Papier brachte, schien es, als würden – von Hitler und seiner engsten Umgebung abgesehen – die für Krieg und Völkermord Verantwortlichen ungestraft davonkommen. Rechtsgelehrte bezweifelten, daß es eine juristische Handhabe wider Verbrechen gegen die Menschlichkeit gab, „Realpolitiker“ sahen in Deutschland den zukünftigen Partner zu Eindämmung des Kommunismus. Ihnen wollte Morgenthau in die Parade fahren und zugleich eine Debatte in Gang setzen, wie Deutschland und andere Aggressoren daran gehindert werden könnten, erneut einen Krieg vom Zaun zu brechen.
Henry Morgenthau trat bereits im Sommer 1945 von seinem Regierungsamt zurück, doch der Streit um Deutschlands Zukunft ging weiter. In der Militärregierung saßen ein paar Dutzend Linksliberale, die wie Morgenthau der Meinung waren, daß man zur Bändigung des Militarismus in das soziale und wirtschaftliche Gefüge Deutschlands eingreifen müßte. „Wirtschaftliche Entwaffnung“, „Entflechtung der Kartelle“ und Prozesse gegen belastete Industrielle und Banker standen auf ihrer Tagesordnung. Auch sie scheiterten kläglich.

Bernd Greiner, Dr. phil. habil., geb. 1952, Historiker und Politologe, Leiter des Arbeitsbereichs „Theorie und Geschichte der Gewalt“, Privatdozent am Fachbereich Geschichtswissenschaft an der Universität Hamburg.

„Morgenthaus Erkenntnis lautete schlicht und einfach: Völkermord und Aggressionskrieg dürfen nicht ungesühnt bleiben. Es gibt keine Normalität im Schatten der Vernichtung. Das war Morgenthaus Botschaft an die Tätergeneration. Bernd Greiners Verdienst ist es, diese Geschichte in seiner fulminanten Untersuchung rekonstruiert zu haben.“
(Michael Marek, die tageszeitung)

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