Die Wortemacher von Esser,  Paul

Die Wortemacher

Portrait einer heillosen Zukunft

Weil ihr Umfang gering ist, fallen die kleineren Formen der Literatur leicht einem Analogie-Kurzschluß zum Opfer: ihre Herstellung sei leicht und das Kurze daher wohl auch von geringerem Wert als das Voluminöse. Und überdies: Welch großer Autor hätte sich allein durch seine Aphorismen oder Epi-gramme einen Namen gemacht? Prosaminiaturen aphoristischer Art waren stets beliebt, doch selten geachtet. Als geistreiche Kompaktinformation dienten sie als Snacks der Erkenntnis, als geistiger Schnellimbiß zwischen den Hauptmahlzeiten, wenn man z. B. ein Blatt vom Kalender riß und Herz und Verstand erbaute an der zwischen Puddingrezept und astrologischer Weissa-gung offerierten Lebenshilfe.
Solcher Fehleinschätzung haben manche Sprüchemacher selbst Vorschub geleistet, wenn sie einseitig auf Kognition und Didaktik setzten, betonten, daß sie für Mitdenker schrieben, nicht für Voyeure. Da wurde unterschlagen, bewußt oder nicht, daß auch die Abstraktion ihre Schlüssellöcher hat und daß Sprach- und Lustzentrum – durch welche Neuro-Schaltungen auch immer – in Verbindung treten können. Kurz gesagt: auch gedankliche Prosa kann Spaß machen, wenn auch nicht spektakulären Sinnenkitzel nach Art des fun. Die prägnanten, griffigen Formulierungen des Essays vermitteln Stilgenuß und Aha-Erlebnisse und regen oft heftiges Nach-Denken an.
Was den folgenden Versuch einer poetologischen Typenskizzierung betrifft, so lebt er wie jedes Typifizieren von der Verallgemeinerung; ein Typus existiert nun mal nur in der Abstraktion. Wer Typisches hervorheben will, greift bestimmende Züge heraus, er isoliert und übertreibt sie. Kein realer Autor ließe sich einem der Typenportraits zuordnen. Alle haben etwas von allen, auf das Mischungsverhältnis kommt es an. Das jeweils besondere Zusammenwirken verschiedener Eigenschaften im psychischen Haushalt und im Ausdrucksstil einer Persönlichkeit macht ihre Individualität aus, das gilt auch für alle an der Schreibkultur Beteiligten, die unter die Lupe genommen wer-den. Die Essays bieten über traditionelle Züge der Berufsschelte hinaus einen recht persönlichen Standpunkt zum Weiter(be)-denken. Bei manchem, dem sie auf den Teppich seiner Selbstsicherheit gespuckt werden, könnten sie Säurelöcher hinterlassen, anderen mögen sie einen höllischen Spaß bereiten. Wie bei jeder Kurzprosa gilt: Nur in kleiner Dosierung zu sich nehmen, keinesfalls alles auf einmal schlucken!

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