Erster Weltkrieg – Heimatfront Greifswald von Kuna,  Edwin, Kuna,  Hannelore

Erster Weltkrieg – Heimatfront Greifswald

Prolog
Mit dem Ersten Weltkrieg 1914 endete für die Deutschen nach 43 Jahren der europäische Frieden. Waren die Menschen auf diesen großen Krieg vorbereitet? Ganz bestimmt nicht.
In Greifswald erwiesen sich weite Bevölkerungskreise zeitgemäß als kaisertreu. Die Militärvereine, wie der Marineverein unter Vorsitz von Steuersekretär Stolp und der Wehrverein, der Kriegerverein; die Ortsgruppen vom Alldeutschen Verband und vom Deutschen Ostmarkenverein oder auch die Turnvereine; die überwiegende Zahl der Studenten und ein Großteil der Stadtbürgerschaft, standen hinter den Rüstungsaktivitäten von Heer und Staat. Allen voran der Kriegerverein, der schon 1905 500 Mitglieder vereinnahmte.

Auf dem vom Wetter her stürmischen Jahresbeginn 1914 folgte die Julikrise, angefangen mit dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni durch serbische Extremisten und den folgenden politischen Verkettungen in den entscheidenden Stunden vom 31. Juli und 1. August. Und als sich in wenigen Stunden die politischen Ereignisse überschlugen, versagten Politik und Diplomatie. Waren die Menschen tatsächlich „plötzlich“ vor vollendeten Tatsachen gestellt worden?
Krieg? Bis zur letzten Entscheidung, ja bis zur verstrichenen Frist, fanden sich aufgewühlte Menschenmassen aus verschiedensten sozialen Schichten auf freien Plätzen zusammen, auch hier in den pommerschen Städten gab es Volksversammlungen der Sozialdemokraten gegen den Krieg. Aber die Erwartung der Arbeiterschaft auf eine geschlossene, internationale, solidarische Haltung gegen den Waffengang, wie auf zahlreichen Friedenskongressen vor 1914 beschworen, wurde weitgehend enttäuscht.
Diese Tage und Stunden vor dem Kriegsausbruch verliefen für die Menschen in Greifswald dramatisch.
In Berlin rief am 31. Juli Kaiser Wilhelm II. den „drohenden Kriegszustand“ aus und am Nachmittag traf die Nachricht in der Boddenstadt ein.
Am Ende hatte der Monarch in Berlin die Entscheidung für 65 Millionen Deutsche getroffen, sodass am nächsten Tag das Kaiserreich militärisch mobil machte und in den Krieg eintrat. Dafür wurde des Kaisers Mobilmachungs-Befehl am 1. August in ganz Deutschland ausgerufen.
Die Deutschen glaubten ihrem „Friedenskaiser“, an die Unschuld Deutschlands an dem Kriegsausbruch und an den ihnen aufgezwungenen Kampf.
Nun war der Krieg da. Am 2. August überschritt das deutsche Heer mit der 16. Division das Völkerrecht verletzend die Grenze Luxemburgs und marschierte am 4. August in Belgien ein. Zuvor begann im Osten, in Ost- und Westpreußen, der Krieg auf deutschem Boden. An der westpreußisch-russischen Grenze in Alexandrowo fielen bereits am 3. August 60 deutsche Soldaten und 1 Offizier. In Ostpreußen stand das kaiserliche Jagdschloss Rominten in Flammen. Bereits am 17. August 1914 signalisierte das Kriegsministerium in einem geheimen Dokument, dass die bisher eingegangenen starken Anforderungen auf Feldartilleriemunition einen sehr hohen Munitionsverbrauch in den ersten Gefechten erkennen lassen.
Seit Kriegsausbruch wurde in der Heimat alles anders, nach dem 2. August 1914 kam mit der militärischen Mobilmachung auch die geistige Mobilmachung hinzu. Jetzt zählte nicht nur das Kaiserwort, sondern auch das Gotteswort, wie es beispielsweise der Greifswalder Theologe Professor D. Karl Dunkmann (1868-1932) am 23. August 1914 in St. Nikolai predigte:

Nicht Menschen haben diesen Krieg heraufgeführt, und doch sind es Menschen gewesen, die die Verantwortung tragen. Gott aber hat ihn gewollt, Gott hat ihn gemacht.

Die Greifswalder evangelischen Theologieprofessoren und Pfarrer sakralisierten den Krieg und stellten sich an die Spitze der vielen, den Krieg bejahenden Bildungsbürger und unterstützen die deutsche Kriegspropaganda. „Mit Gott, Kaiser und Vaterland“ schallte es aus den Kirchen. In der pastoralen Rhetorik stand Gott fest und ganz auf der Seite der gerechten deutschen Sache. Volk und Religion waren nun endlich eins geworden, Volk und Thron unter dem Altar versammelt. Karl Dunkmann gab 1916 den Feldgrauen Deutschlands einen Katechismus mit auf den Weg:

Hörst du die Kanonen? Die Schlachtmusik hebt wieder an. Der Kaiser ruft, das Vaterland ruft, die Heimat ruft, das Weib und die Kinder rufen, mein Gott ruft! Die große Liebe ruft! Oh, wie ist das Glück so groß, sterben zu dürfen für diese große Liebe, um einmal aufzuerstehen und ewig zu leben in der Liebe, die ewig ist und ewig bleibt.

Wie überall in Deutschland strömten auch in Greifswald im August 1914 die Christen in die Kirchen zu den Gottesdiensten und Kriegsgebetsstunden und erwarteten Antworten und Trost zugleich. Am Heiligen Abendmahl nahmen die ausziehenden Krieger teil. Die Kirchenleitungen indizierten dies als gewachsene Kirchlichkeit ihrer Mitglieder.
Nach der Euphorie ließ der Kirchenbesuch nach, viele Plätze blieben unbesetzt. Anfang 1917 musste die Synode der Stadtkirchen Greifswalds:

… ein Nachlassen der ursprünglichen Spannung“ feststellen, „eine gewisse geistige und geistliche Müdigkeit“ einräumen, so „dass die Ernsten ernster geworden sind und die Oberflächlichen oberflächlicher. … Die Widerstandskraft gegen die Prüfungen der schweren Zeit scheint langsam zu erschlaffen, das sittliche Urteil abzustumpfen.

Der letzte große Krieg von 1870/71 gegen Frankreich verlief über 11 Monate. Genau 1563 Tage sollte der jetzige Krieg, der Erste Weltkrieg, dauern, was anfangs von den Zeitgenossen niemand weder ahnte noch glaubte. Das waren vier und ein viertel Jahr, angefangen von der Mobilmachung, im kraftstrotzenden Wilhelminischen Kaiserreich bis zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918, da war Deutschland nicht nur am Ende seiner militärischen Kräfte gelangt.
Eine überschaubare Zeit im Angesicht eines Menschenlebens, im Nachhinein, doch für alle Beteiligten, die den mörderischen Krieg miterlebten, unendlich lang – auch für die noch jüngere Generation, für die Kinder.
Welche Auswirkungen brachte der Krieg im Inland, an der Heimatfront, und was ist in die Geschichte eingegangen? Kein feindlicher, bewaffneter Soldat betrat pommerschen Boden, keine Bomben fielen auf pommersche Städte. Pommern blieb von direkten militärischen Kriegshandlungen verschont. Und doch hatte der Erste Weltkrieg tiefe Narben und großes Entsetzen bei den Menschen hinterlassen.
Kaum eine Familie blieb verschont von den Kriegsauswirkungen. Kaum eine Familie, die nicht einen persönlichen Verlust erlitten hatte, gleich ob an der Front oder im Hinterland. Überall breitete sich der Hunger und Elend aus, die Menschen wurden ideologisch manipuliert alles, selbst auch das letzte Stückchen Brot für die Front zu geben.
Über Generationen hinweg wurden bruchstückhafte Leidens- und Mutgeschichten an die Enkel weitererzählt, viele Ereignisse aber blieben unerwähnt.
Denn was geschah mit Kriegsausbruch zu Hause? Die militärische Mobilmachung und der Aufmarsch von 8 Armeen an die West- und Ostfront vollzogen sich „fahrplanmäßig“ und fast wie ein Uhrwerk mit Hilfe der Eisenbahn. In der Zivilgesellschaft lief es nicht so automatisiert ab, denn nach anfänglichen Hurra-Rufen und großer Kriegseuphorie zog bittere Ernüchterung ein, der immer wieder Durchhalteparolen folgten.
Anfänglich liefen die Greifswalder Männer aus Angst um ihr Geld auf die Sparkasse, bei den Frauen setzten Panikeinkäufe an Lebensmitteln ein, Jung und Alt glaubten recht abenteuerlich von ausländischen Feinden und Saboteuren umgeben zu sein und die Stadt stellte eine einheimische Bürgerwehr auf. Es dauerte einige Wochen, bis die städtischen Organe: Polizeiamt und Verwaltung wieder Ruhe und geregelte Ordnung in die ängstlichen Menschen brachte.
Handwerk und Industrie gerieten bald in wirtschaftlicher Not. Karl Zorn, Obermeister der Schuster-Innung und seit 1914 Stadtverordneter, berichtete dem Magistrat über die Schließung von sechs Schusterwerkstätten, weil die Handwerksmeister in den Krieg zogen. Mitte 1917 standen etwa 60-70 Prozent der Meister aller Gewerke an der Front. In einigen Gewerken übernahmen die Ehefrauen die Meisterstelle und hielten den Betrieb am Leben. Einzelne Werkstätten waren nicht mehr in der Lage die Mitgliedsbeiträge zur Handwerkskammer zu entrichten.
Massenweise zogen die Männer ins Feld und die Frauen blieben auf sich selbst gestellt zurück. Der Krieg veränderte auf den Schlag die Geschlechterrolle vieler Frauen in den Familien, in den sozialen Klassen und im gesamten gesellschaftlichen Gefüge.
Die Frauen mussten sich wirtschaftlich und sozial neu orientieren und gewissermaßen über sich hinauswachsen. In der Kriegszeit übernahmen der Staat (das Reich) und die örtlichen Kommunen die finanzielle (Grund)Absicherung der Soldatenfamilien. Die jeder bedürftigen Kriegerfrau und Familie zustehende reichsgesetzliche Unterstützung wurde wiederholt aufgestockt durch Gemeindezugaben.
Der Greifswalder Magistrat und das Bürgerschaftliche Kollegium, das Rote Kreuz und vor allem die im Vaterländischen Frauenverein oder im Evangelischen Frauenverein organisierten Frauen, riefen die Kriegswohlfahrt ins Leben. Die Frauen sammelten bei den Bürgern Geld für in Not geratene Mitgenossinnen und Familien, sie schufen mit dem Arbeitsnachweis, der Nähstube usw. zeitgemäße Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit, sie engagierten sich in der Säuglings- und Krankenpflege. Für die berufstätigen Mütter schufen die Frauenvereine Kindertagesstätten. Noch Januar 1918 eröffneten die evangelischen Frauenvereine der drei Kirchgemeinden einen Kinderhort, den bereits am Eröffnungstag 130 Kinder nutzten.

Der Krieg verschonte auch nicht die Kinder und Jugendlichen, von denen viele ohne Väter aufwuchsen. Betroffen waren alle Altersgruppen: Kleinstkinder, Kinder und Jugendliche.
Mangelnde Ernährung, insbesondere durch wenig Milchzufuhr, gefährdete die Gesundheit Kinder unter 6 Jahren und führte 1916 erstmals zu einer Übersterblichkeit in dieser Altersgruppe. Während 1914 38 Kinder in Greifswald starben, erhöhte sich 1915 die Zahl auf 53 und 1916 auf 101 Sterbefälle.
In der Schule sank das Niveau des Unterrichts 1914-18 stark herab. In den Volksschulen nahm der Krieg durch den Militärdienst den Schülern auf Jahre hinaus ihre Lehrer, Schüler mussten auf andere Klassen verteilt werden, die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden sank. Kinder besuchten den Unterricht mit gestopften Hosen und Röcken, liefen in Holzpantinen und als es ab 1917 praktische keine Schuhe mehr zu kaufen gab, liefen auch Stadtkinder im Sommer barfuß.
Am Greifswalder Gymnasium und in der Realschule konnte das Bildungsniveau durch die Einstellung von drei Lehrerinnen halbwegs gehalten werden. Im neu eingerichteten Unterrichtsfach „Kriegsgeschehen“ erhielten die Pennäler „zeitnahe“ Bildung, im Fach Deutsch variierten die Aufsatzthemen zwischen Kaisertreue und Gottesfurcht, Kriegsunschuld, deutsches Heldentum und Opferbereitschaft und in Geografie lernten sie die Kriegsgebiete der Welt kennen.

Zwei während des Krieges ergangene Erlasse des preußischen Kultusministers über den Geschichtsunterricht in den höheren Knaben- und Mädchenschulen weisen da den Weg: die deutsche Geschichte tritt in den Vordergrund, wird weitergeführt bis zur Gegenwart und den Heldentaten des Weltkriegs. (Käthe Schirrmacher).

So wurden die Schüler mit „Kriegspädagogik“ auf den Kampf vorbereitet.
Im gesamten Kaiserreich besuchten bei Ausbruch des Krieges 22.600 Primaner und 15.600 Obersekundaner im Alter von über 17 Jahren die höheren Schulen. Von diesen meldeten sich 20.000 als Kriegsfreiwillige. Das Greifswalder Gymnasium und die Realschule zählten zusammen zum Wintersemester 1917/18 484 Schüler in Klassenstärken von 19 bis 43 Schülern. Halbjährlich zum 1. Juni und zum 1. Dezember absolvierten Greifswalder Oberprimaner das Notabitur, verkürzten die Schulzeit um 1 Jahr, um danach mit Erlaubnis vom Vater freiwillig in den Krieg zu ziehen. Diesen Weg beschritten nach der Abschlussprüfung an der Realschule März 1915 beispielsweise Paul Heide aus Greifswald und Kurt Rampe aus Sassnitz.
Vereinzelt zogen auch Schüler unter 17 Jahren zur Front, Jungen, die noch nicht das militärdienstpflichtige Alter erreicht hatten und in der Etappe ohne Waffe eingesetzt wurden.

Auf unseren Schulen gibt es endlich noch eine dritte Menschenklasse, Jungen, die zwar noch nicht würdig befunden wurden, des Königs Rock zu tragen, aber denen es doch gelang, selbst auf den Schlachtfeldern und hinter der Front unseren kämpfenden Kriegern und besonders den Verwundeten hilfreiche Dienste zu leisten.

Emsig zeigten sich die Schüler in ihrer Freizeit und in den Ferien bei der Erntehilfe, beim Sammeln von Goldgeld, Altkleidern, Papier, Brombeerblättern, Laubheu aus dem Wald, Blaubeeren, Bucheggern oder von Nesseln. Für die Versorgung der Industrie mit natürlichen Rohstoffen schienen Kinder unentbehrlich zu sein. Im Sommer und Herbst 1918 brachten kleine, fleißige Hände des Kreises Greifswald für die Textilindustrie 3.330 kg getrocknete Nesselstängel (davon Knaben-Volksschule 275 kg sowie Gymnasium und Realschule Greifswald 55 kg), über 5 kg getrocknete Samen und etwa 150 kg getrocknete Nesselblätter zusammen.
Auch auf das Geld der jüngsten Deutschen war der Krieg angewiesen. Zur Anlegung von Kriegsanleihen in kleinen Beträgen leerten Schüler das Sparschwein. Eine kleine Entschädigung konnten sie jedoch auch genießen. In den kalten Wintern verlängerten sich die Weihnachtsferien wegen Kohlenmangel nach Neujahr bis Mitte Januar, letztmalig Januar 1919.
Die 16-18jährigen Burschen, wurden von der patriotischen Kriegsgesellschaft körperlich wie geistig in Jugendwehren als „Nachwuchs und Reserve“ für den Kampf manipuliert, geworben und mobilisiert. Die ersten Jahrgänge der Jugendwehren zogen bald gerüstet in den Krieg und nicht wenige kehrten nicht mehr heim.
Trotzdem hängte die Kriegsgesellschaft der älteren Jugend den Makel der Zügellosigkeit an. Jugendliche wurden von allen Seiten übermaßen moralisiert. Ungemessenes Verhalten (Rauchen, Alkohol, an der Ecke stehen, ins Kino gehen usw.) tadelte man schnell und Kriegsgerichte beschäftigten sich mit ihnen und bestrafte sie.

Rowdytum der Primaner der Oberrealschule (weiße Mütze) und Schüler des Gymnasiums (dunkle Mütze). Halten sich bei der Turnhalle auf und schauen den Mädchen beim Tanzunterricht zu. Verhalten sich ungebührlich, laut, lächerlich, rempeln. Fehlendes sittliches Bewusstsein …

Die in den Krieg gezogenen Männer fehlten in jeder Hinsicht als Arbeitskraft und besonders in der Landwirtschaft des Landkreises. Wenn der Bauer als Haus- und Hofherr in den Krieg musste, lag die Arbeitslast hauptsächlich bei der zurückgebliebenen Ehefrau und auch die Kinder mussten Übermaßen helfen bei der Ackerbestellung und Erntezeit. Nicht selten wechselte der Großvater wieder vom Altenteil in das reguläre Arbeitsleben.
Auf den größeren landwirtschaftlichen Gütern und Bauernhöfen des Kreises mangelte es ebenso an den unentbehrlichen Arbeitsmitteln: Pferde, Geschirre und Wagen, sie waren zu jeder Zeit notwendig, um schwere körperliche Arbeiten zu bewältigen. Während des Krieges wurden sie zum Heer ausgehoben und fast so rekrutiert wie die Soldaten.
Stadt und Staat, versuchten über die Jahre Gelder freizusetzen für öffentliche Arbeiten. Nach dem Jahresbericht des 46. pommerschen Provinziallandtags für 1917 erhielten die Stadt Greifswald 284790 Mark und der Landkreis Greifswald 2107281 Mark für Chaussee- und Wegeprojekte.
Große Probleme bereitete die Aufrechterhaltung der Kriegsindustrie und der Landwirtschaft infolge der Einberufung der Männer zum Militär. Deutsche Unternehmen griffen auf die Beschäftigung von Kriegsgefangenen zurück, unter denen viele qualifizierte Arbeitskräfte waren: Ende 1916 arbeiteten über 330.000 Kriegsgefangene in der deutschen Industrie, weitere 735.000 in der Landwirtschaft. Außerdem wurde eine nicht unerhebliche Zahl von Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen aus Belgien beschäftigt, die Deportation seit November 1916 rief internationale Entrüstung hervor. Ebenfalls im Jahr 1916 deportierte Deutschland französische Frauen und Mädchen innerhalb der besetzten Territorien und zwang sie zu Arbeitsleistungen. Ebenso wurden Arbeitskräfte aus dem besetzten Polen angeworben oder auch beordert.
Der Arbeitskräftemangel war ein Hauptproblem und blieb es die ganze Kriegszeit über: Ersatz-Arbeitskräfte zu organisieren bis hin zu Schülern, um die lebenswichtige Ernte einzubringen, um die Ernährung sichern zu können.
Die Universität musste viele ihrer Studenten als Freiwillige und langjährige Dozenten in den Krieg ziehen lassen und der wissenschaftliche Lehrbetrieb ließ sich nur notdürftig aufrechterhalten. Das Greifswalder Studentenleben, in Friedenszeiten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Stadt, verwaiste zusehends. Noch vor Ende des Krieges setzte die Universität ein Zeichen für den Erhalt der Wissenschaft und für „eine Zeit nach dem Krieg.“ Am 27. Juli 1918 tagte die erste Hauptversammlung der neu gegründeten „Gesellschaft von Förderern und Freunden der Universität“.
Am 9. Februar 1919 betrauerte die Universität auf einer Gedenkfeier für die heimgekehrten Kriegsteilnehmer an Gefallenen: 1 Professor, 3 Privatdozenten und Dozenten, 3 Beamte und 182 Kommilitonen.
Die Bewältigung des Alltags wurde für alle sozialen Schichten immer schwieriger. Zweifellos entwickelte sich die wirtschaftliche Lage der Menschen, vom Arbeiter bis zum Beamten, durch die Verteuerungen der Waren kritisch. Aber nicht unbedingt der Geldbeutel wurde zum Problem, sondern die Tatsache, dass es immer weniger Produkte zu kaufen gab. In kurzen Zeitabständen, je nach Stand der möglichen Lebensmittelversorgung im Reich, schrieben Bundesrat und ab 1916 das Kriegsernährungsamt den Maximalverbrauch für Lebensmittel pro Tag oder Woche vor.
Ab Ende Januar 1915 durften die Bäckereien durch die Bundesratsverordnungen nur noch K-Brot (Kriegsbrot mit Kartoffelanteil) backen und anbieten. Den Bäckern war deutschlandweit nächtliches Arbeitsverbot ausgesprochen, so dass die Kunden am frühen Morgen kein frisches Brot und keine frischen Brötchen mehr erhielten, um an den Getreide- und Mehlvorräten zu sparen. Am 11. Februar 1915 hielten die Greifswalder erstmals Brotkarten in der Hand. Bis Februar 1917 gab der Magistrat 3.178.500 Brotkarten aus. Ab 1916 folgten Karten und Kundenlisten für Eier, Kartoffeln, Fleisch, Milch (ab 1. November), Seife, ab 1917 auch für Butter.
Aus den Jahresberichten des städtischen Schlachthofs lässt sich die prekäre Situation der Fleischversorgung ablesen. 1915 gab der Bericht 16.000 Schlachtungen an, 1916 wurden 7.126 und 1917 6.800 Tiere geschlachtet. Dagegen stieg die Zahl der Pferdeschlachtungen im Zeitraum 1915-1917 von 120 auf 328 an.
Mit fleischlosen Tagen musste sich die Hausfrau in den Kriegszeiten seit Ende 1915 immer wieder mal begnügen und den Küchenzettel neu schreiben, vom 1. August bis zum 31. Oktober 1918 sogar mit 4 fleischlosen Wochen auskommen. 250 g Mehl oder 1500 g Kartoffeln sollten dann die fehlende Wochenration an Fleisch pro Kopf von 250 g ersetzen.
Auch nach dem Krieg änderte sich die Ernährungslage kaum. Am Montag, den 3. August 1919, erwarteten die Greifswalder Bürger die 233. Brotkartenwoche seit 1915, die 175. Speisefettkartenwoche, die 175 Kartoffelkartenwoche und die 160. Fleischkartenwoche. Am 5. August 1919 endete die Zwangsbewirtschaftung der Fische.
Die Volks- bzw. Kriegsküchen kochten bis Ende 1919 über 600.000 Mittagsessen, davon 325.000 für Erwachsene zum Preis von 30 Pfennig, 75.000 für Kranke und 200.000 für Kinder unentgeltlich.
Auf der Sitzung der Bürgervertretung vom 27. Oktober 1919 bewilligte das Bürgerschaftliche Kollegium für die Unterstützung der Speisung erneut 15.000 Mark.
Bis Herbst 1917 gelangten etwa 10000 Ersatzmittel auf den deutschen Markt, davon rund 7000 in der Lebensmittelbranche und viele Produkte mit neuen Namen hielten nicht, was sie versprachen.
Durch die Einführung des „Kriegssozialismus“ in vielen Ernährungsbereichen sowie mit dem Stadtkreis-Status Greifswalds lag die Beschaffung der genehmigten und rationierten Nahrungsmittel für die Einwohner in der Verantwortung der Stadtverwaltung, der Kommissionen für die Ernährung und der Abgeordneten. 1918 zählte das Bürgerschaftliche Kollegium 36 Mitglieder und über die Kriegsjahre, traf man durch die Ausschaltung der „Politik aus dem Rathaus“ die einzig richtige Entscheidung.
Als eigener Stadtkreis musste Greifswald etwa 20.000 Einwohner mit Grundnahrungsmitteln versorgen, außer den etwa 5000 Selbstversorgern (Ackerbürger mit Familien). Für Getreide und Kartoffeln, auch für Gemüse, konnte der Magistrat Lieferungsverträge mit dem Umland abschließen. Andere Lebens- und Genussmittel, wie Salz, Kaffee, Honig und Zucker, oder Waren des täglichen Bedarfs, wurden der Gemeinde von den Reichsstellen nach bestimmten Kriterien, wie Bevölkerungszahl, Anzahl der Schwerstarbeiter usw., zugewiesen. Mit den spärlich überwiesenen Waren musste die Stadt zweckmäßig wirtschaften, sie an die über 80 Kaufleute verteilen, auch im Bewusstsein darüber, dass damit nicht die gesamte Bürgerschaft versorgt werden kann. Der Magistrat arbeitete nur noch als ausführende Instanz einer höheren Behörde. Da Greifswald ohne große Industrie (ohne Schwerarbeiter) war, schnitt die Boddenstadt in der alltäglichen Versorgung mitunter schlechter ab als Stettin, Düsseldorf oder Berlin.
Als ab 1917 der ungeheuren Munitionsproduktion das Rohmaterial fehlte, wurde die Beschlagnahme und Enteignung von Metall forciert und die jüngeren Bronze-Glocken in den Kirchtürmen, Zinnpfeifen der Orgeln in den Hallen sowie bronzene und kupferne Metalldenkmäler von öffentlichen Straßen und Plätzen mussten für den Krieg hergegeben werden. Bis zum 1. Juli 1917 hatte beispielsweise die Hofglockengießerei Franz Schilling und Söhne in Apolda ungefähr 70.000 Kirchenglocken zur Beschaffung von Munitionsstoffen „abzurüsten“.
Die St. Nikolai-Kirche (Domkirche) verlor vier Glocken an den Krieg: Nikolausglocke, gegossen 1568, umgegossen 1863; Rufglocke (1586/1863) und die Oktavenglocke, umgegossen 1863 sowie die kleinere Schlagglocke aus dem Glockenturm. (Erhalten blieben: Bet- und Professorenglocke 1440, Kindtaufglocke 1615 und die Stundenglocke aus dem ehemaligen Franziskanerkloster). Am 23. Oktober 1917 zwischen 19 und 20 Uhr läuteten die Glocken zum Abschied. Die größte Glocke musste im Turm zerschlagen werden. September 1918 wurde ein Geläut vom höchsten Turm der Stadt durch eine gusseiserne Glocke mit einem Gewicht von 164 kg wieder möglich, an den neuen Klang musste man sich jedoch erst gewöhnen.
Von den vier Glocken der Jakobi-Kirche fielen drei unter Beschlagnahme, während St. Marien alle Glocken aus kunsthistorisch wertvollen Gründen behalten konnte.
Am 17. Mai 1917 erklang in St. Nikolai das letzte Orgelkonzert, danach wurden die Zinnpfeifen ausgebaut. Wenige Tage darauf ereilte das gleiche Schicksal die Orgel von St. Marien.
Wenigstens konnten durch das Gutachten der eingesetzten Denkmäler-Kommission, mit Dr. Lemke aus Stettin, Prof. Schultze aus Greifswald und Prof. Jenensch aus Berlin, das Paepke-Denkmal und das Kaiser-Wilhelm-Standbild vor dem Einschmelzen gerettet werden. Letzteres natürlich aus zutiefst patriotischen Gründen. 1918 wurde für Greifswald und Umgebung der königliche Musikdirektor Rudolf Ewald Zingel als Gutachter bestellt.

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