Faust von Dobrovodsky,  Roman, Goethe,  Johann W von, Marignoni,  Werner

Faust

Tragödie 1. Teil. In Berner Mundart

Goethes „Faust“ in einen Dialekt übertragen? Das klassische deutsche Menschheitsdrama, die vorbildliche Sprachsetzung profanieren? Und die in den allgemeinen Sprachgebrauch eingebundenen berühmten Zitate? Freilich, Harald Feller drängte, mahnte, ermutigte mich hartnäckig über Jahre. Der ehemalige bernische Staatsanwalt, engagierter Theaterkenner und mehr als Laien-Schauspieler, hatte zu Beginn der neunziger Jahre aus meiner „Peer Gynt“-Übertragung den alternden Titelhelden des Ibsen-Dramas gespielt. Einmal mehr hatte sich hier bestätigt, dass die berndeutsche Mundart für Versmass und Reim besonders geeignet ist.

Gegenüber einer „Faust“-Übertragung wogen indessen die Bedenken schwer. Es fehlte über langen Zeitraum die Motivation. Ist diese universale Dichtung, ist dieses Suchen nach dem, was „die Welt im Inneren zusammenhält“, durch das moderne Weltbild nicht überholt, ja, verstaubt? Ja tiefer man sich mit dem Stoff befasst, umso mehr Zweifel steigen auf, die Frage mit einem klaren Ja zu beantworten. Von den Ergebnissen der Gen-Forschung im Mikrokosmos bis zu den Entdeckungen und Berechnungen im Universum, vom allzu Menschlichen auf Rummelplätzen bis zur Reiselust, von Süchten, Drogen und Verjüngungs-Pharmaka bis zu Orgien, von Schuld und Sühne, Liebestaumel, tiefstem Elend und schlechtem Gewissen – all dies und noch mehr ist Realität wie zu Goethes Zeiten, wird es bleiben.

Die Geschichte vom Suchen, Irren und Erlösen, das eitle Bemühen, Gott auf die Spur zu kommen, sie werden immer ihre Gültigkeit haben. In jedem Kulturkreis, in jeder Sprache. „Faust“ ist das weltliche Gegenstück zum grossen kirchlichen Welttheater und schildert das ganze Kaleidoskop menschlicher Grösse, Irrungen und Verzweiflung. Die Tragödie wurde in alle Hochsprachen übersetzt. Weshalb nicht auch in einen Dialekt?

Die Motivation war damit gegeben. Am Originaltext Goethes wurden nur ausnahmsweise Änderungen vorgenommen. Vornehmlich dort, wo bildliche Vergleiche sich in anderer Form aufdrängten; wo Versmass und Reim eine sinnvolle Umschreibung erforderten; wo der sprachliche Rhythmus – „Faust“ ist ja auch ein Gedicht – gewahrt werden musste. Übergangen wurde einzig der „Walpurgisnachtstraum“, der sehr selten auf die Bühne gelangt. Für die „Walpurgisnacht“ selber wurde als Grundlage nicht der später überarbeitete Text, sondern die für die damalige Zeit anstössige Originalfassung aus den Paralipomena verwendet. Harald Feller danke ich für die Begleitung, Beratung und die tätige Hilfe.

Oktober 2000 Werner Martignoni

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