Notizen über einen beiläufigen Mord von Moor,  Markus

Notizen über einen beiläufigen Mord

Roman

Ein Kriminalroman möchte man meinen.
Nicht eindeutig einzuordnen ist Markus Moors drittes Buch: Ein Kriminalroman? ein Liebes- oder ein Entwicklungsroman? oder ein episches Werk über das Bergell? Jedenfalls ein Buch geschrieben in einer poetisch-feinfühligen Sprache von einem Autor, den es noch zu entdecken gilt!
Ein Kriminalroman, möchte man meinen, mit einem Täter und Marugg, dem Kriminalkommissär, dem Jäger, der eigentlich gar keiner ist, weil selbst Gejagter von einer übervollen Vergangenheit, daraus eine Geschichte, an die man glauben könnte, nicht zu ziehen ist. Ausufernd manchmal, obwohl als Mensch eher karg und bescheiden, kommt er für einmal nicht mehr darum herum, nur mehr Restverwerter zu bleiben von etwas, das einmal nicht aufgegangen ist, weil es nicht aufgehen konnte; jedenfalls nicht mit seiner Sicht, nicht mit der Art und Weise, wie er sich das Damals eingegossen hat, zur gipsernen Ikone verunstaltet, was einmal Leben war.
Und daneben eben der Täter, der zwar gefunden wird – beileibe keine kriminalistische Meistertat -, aber bis zuletzt namenlos bleibt, weil er sich eben erst Geschichte geschaffen hat, mehr aus Zufall wahrscheinlich und entgegen jeder Absicht, mit einer leeren Vergangenheit, die zu füllen er im Begriffe steht durch sein Opfer, das er liebte, vermutlich zum ersten Mal fähig zur Liebe überhaupt. Das Selbstverständnis, der tägliche Betrug an sich selber, wie er festzustellen glaubt, ist ihm schlicht abhanden gekommen, dass es in seinem Kopf gerade mal noch zu der Er-Form reicht, wenn er von sich spricht, knapp, bis zum Schweigen.
Blinde eigentlich beide mit einer seltsamen Gleichgültigkeit, irregeleitet von der Gelassenheit des Alltäglichen, müssen sie irritiert einen dunstigen Umriss sich herausschälen sehen, und das ist nichts anderes als die Liebe, die zu benennen, wie als Brauch, sie sich gehütet haben, um täglich mit zunehmend versteinertem Mundwinkel zu bekennen: Das genügt für ein Leben. Schon nur der Ton des Wortes ist ihnen gesucht erschienen. Wie sie sich gefühlt haben? – Sie haben sich daran gewöhnt. Ein Roman über die Liebe, eigentlich ein Liebesroman. Und über das Bergell.
Wer einen richtigen Krimi erwartet, sollte lieber die Hände von den Mordnotizen lassen, wer dagegen eine fesselnde Kindheitsbeschreibung und eine einfühlsame Beschreibung einer sich anbahnenden Liebesbeziehung lesen möchte, der ist mit Markus Moors Roman gut bedient. Zwar gibt es ihn, den Mord an der jungen Frau, zwar gibt es den ermittelnden Kommissar, aber Mittelpunkt und Anziehungspunkt des Romans sind die Gedanken zweier Männer. Die Reflexion des Grafikers über seine Beziehung zu der Frau, die er über eine Zeitungsannonce kennengelernt hat und die rückschauenden Blicke des Kommissars auf eine von Krankeit und Tod der Mutter gepragte Kindheit. Dazwischen laufen die Ermittlungen, spinnen sich ganz langsam, fast unbemerkt die Fäden zwischen den Protagonisten. Ein Buch, das den Leser ganz langsam gefangen nimmt, sofern er Geduld hat. Die Erinnerungen und Gedanken gilt es zu folgen und wenn man sich darauf einlässt, sind diese Leben ganz spannende Geschichten, die den Mord fast vergessen machen. Ein wenig Leseerfahrung setzt das Buch schon voraus, aber es lohnt sich.
Ulrike Kieser-Hess/ ekz-Informationsdienst

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