Kritik in der Kunst

Jonny Star See me

Mit provokanten Slogans wie „Do women have to be naked to get in the Met. Museum?“ weist die aktivistische New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls seit 1985 auf die eklatante Unterrepräsentation von Frauen in der Kunstwelt hin. Damals waren weniger als 5% der in der Abteilung für Moderne Kunst im New Yorker Metropolitan Museum vertretenen Künstler weiblich, zugleich zeigten aber 85% der Aktdarstellungen Frauen. Auch heute noch, 30 Jahre später, prägen die Kunstgeschichtsbücher, die fast nur aus Werken und Texten männlicher Künstler bzw. Autoren bestehen, unser individuelles Empfinden des visuellen Erscheinungsbilds von (guter) Kunst. Dies wiederum formt die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung sowie die Preisgestaltung auf dem Kunstmarkt. Künstlerinnen haben dort das Nachsehen, auch, weil ihr Stil nicht immer den historisch geprägten Idealen in patriarchalen Strukturen entspricht.

Die Künstlerinnen Ditte Ejlerskov und EvaMarie Lindahl zeigen in ihrem Projekt The Blank Pages (2014), dass Programme großer Verlage oft noch immer dasselbe Bild widerspiegeln. So sind in der TASCHEN-Serie Basic Art (seit 1985) nur ca. 5% Frauen vertreten, selbst Hannah Höch, Niki de Saint Phalle oder Helen Frankenthaler fehlen. Somit widmet sich dieser Blogeintrag kürzlich erschienenen Publikationen über Künstlerinnen, die seit Jahrzehnten Gesellschaftskritik üben, vorherrschende Ästhetiken oder klare Zuweisungen von Geschlechterrollen unterminieren: Christa Dichgans, Pipilotti Rist, Cindy Sherman, Marina Abramović sowie die Berliner Künstlerin Jonny Star.

Der Band „Christa Dichgans: Texte zu Bildern“ (Hirmer, 1.8.2016) vereint die persönlichen und zugleich gesellschaftskritischen Arbeiten der Malerin und Grafikerin Christa Dichgans mit Texten von namhaften Künstlern und Zeugen ihrer Zeit, die vom geteilten Berlin, vom Feminismus der 1970er-Jahre, aus dem New York der 1980er, aber auch vom Kalten Krieg, dem Zerfall der Sowjetunion und der heutigen Konsumgesellschaft berichten. Die Arbeiten der Künstlerin sind noch bis zum 28.2.2017 in der Ausstellung „Plüschtieropfer“ der Berliner Galerie CFA in Charlottenburg zu sehen.

Anlässlich der Ausstellung der Künstlerin Pipilotti Rist im Kunsthaus Zürich erschien der Katalog „Pipilotti Rist: Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes“ (Snoeck, 25.2.2016). Er stellt die wichtigsten Themen der Videoinstallationen der Künstlerin vor und enthält Dokumente sowie Fotografien ihres persönlichen Archivs, die hier erstmals veröffentlicht wurden.

„Cindy Sherman“ (Hartmann Projects, 2.5.2016) stellt alle 20 Arbeiten einer neuen Werkgruppe von Cindy Sherman vor, in der sich die Künstlerin auf die frühe erste Ära des Starkultes in Hollywood, in der charakterstarke, unabhängige Frauen öffentlich auftraten, konzentriert. Mit übertriebenem Make-up, zeitgeistiger Kleidung und verführerischen Posen zeigen sie sich in den Hollywood-Pressebildern der 1920er Jahre. Sie stehen vor digital manipulierten Hintergründen, die auf historische Filmsets anspielen.

In ihrer Autobiografie „Durch Mauern gehen“ (Luchterhand Literaturverlag, 14.11.2016) blickt Marina Abramović zurück auf ihre strenge Kindheit im kommunistischen Jugoslawien – sie wuchs bei ihren der politischen Elite nahestehenden Eltern im Schatten Titos auf – bis hin zu ihren jüngsten Aktionen wie der berühmten Performance „The Artist is Present“ 2010 im New Yorker Museum of Modern Art. Abramović wurde im „Time Magazine“ zu den 100 wichtigsten Menschen des Jahres 2014 gezählt.

Eine besondere Entdeckung des Jahres 2016 ist die Berliner Künstlerin Jonny Star. Ihre Monografie „Jonny Star: See Me, Feel Me, Touch Me, Heal Me“ (DISTANZ Verlag, 12.11.2016, Cover siehe Abbildung) bietet einen Überblick über das Schaffen der Künstlerin der vergangenen 20 Jahre. Star kombiniert in ihren Arbeiten verschiedene Materialien und Medien wie Bronze, Fotografie und Stoff mit installativen Elementen. In ihren Werkgruppen thematisiert sie biografische Erfahrungen, Sexualität, Geschlechterrollen und Identität sowie deren gesellschaftliche Rezeption.

Autor: Tina Sauerländer

Die Kunsthistorikerin Tina Sauerländer hat mit ihrem Label peer to space u.a. diese Ausstellungen organisiert und kuratiert: PORN TO PIZZA—Domestic Clichés (2015), Dark Sides Of… (2015), Across the Lines (2014), Visual Noise (2014), Money Works Part 2 (2014), Entering Space (2013) oder Identity Reset? (2010). Sie ist Autorin für Texte über zeitgenössische Künstler, z.B. über Taryn Simon, Alicja Kwade, Carsten Nicolai oder Anselm Reyle für das Kritische Lexikon der Gegenwartskunst. Für den New Yorker Blog ArteFuse berichtet sie über das Berliner Kunstgeschehen. Sie ist die Gründerin des SALOON.