Briefwechsel 1926-1939 von von Ficker,  Ludwig

Briefwechsel 1926-1939

Band 3 der Gesamtausgabe

In vier Bänden wird der Briefwechsel Ludwig von Fickers aus der Zeit von 1909 bis zu seinem Tode 1967 in reicher Auswahl veröffentlicht. Mit dem Erscheinen dieser Bände ist nun das zu Lebzeiten freiwillig gewählte Inkognito eines Schriftstellers preisgegeben, der bisher, als „Typ“, nie recht zu fassen war. Gerade weil man seinen Namen legendenhaft in die Aura einbegriffen sah, die den Namen seines Freundes Georg Trakl umgibt, glaubte man der unverkennbar eigenen Sehweise und Denkökonomie dieses „Freundes und Förderers“ nicht näher treten zu müssen, von dem man außerhalb der enger befaßten Wissenschaft und eines Kreises von Freunden bestenfalls weiß, daß er in den Jahren von 1910 bis 1954 in Innsbruck die Zeitschrift „Der Brenner“ herausgegeben hat.

Jetzt stellt sich heraus: hier ereignet sich in vielfacher Brechung deutschsprachiger Literatur unseres Jahrhunderts. Wenn es so etwas wie „Zeitgeist“ gibt: hier erscheint er – mit wechselndem Gesichtsausdruck – krisengeschüttelte Jahrzehnte hindurch exemplarisch eingefangen. Und es geht nicht nur um die Literatur. Der Briefwechsel spiegelt – „interdiszipliär“ – auch Durchbruchsvorgänge in der Malerei, in der Musik, in der Philosophie und Theologie.

Dennoch repräsentiert der Briefwechsel keine Schule oder Richtung. Da ist kein festgefügter geistiger Standpunkt selbstgewiß vorgetragen, keine literarische „Aktion“ absichtsvoll für die Nachgeborenen zum Dokument einer geistigen Bewegtheit, die zwei Weltzusammenbrüche – ohne Anpassung, ohne Resignation – überlebte, somit zum Dokument einer Tradition, die uns – als zukunftsschließende Energie – heute stark anrührt.
Das „Eigenständige“ an Ludwig von Fickers Persönlichkeit bestand darin, sich zu anderen, deren eigenständige Begabung er oftmals früher und tiefer witterte als sie selbst, in ein Verhältnis zu setzen, das ihnen die Selbstfindung ermöglichte, zumindest erleichterte. In diesen Briefen schöpft nicht ein autonomes Ich Weisheiten aus einem brunnentiefen Verlies der Lebenserfahrung. Hier stellt sich einer unausgesetzt in Frage, um Begegnungen herzustellen, um Licht in künftige Verhältnisse zu bringen. Deshalb bewegte sich Ficker in seinem brieflichen Austausch immer auf der Höhe der Zeit. „Hora et tempus est“ war das Motto des „Brenner“.

DER DRITTE BAND mit 279 Briefen von 85 Autoren zeigt den „Brenner“ und seinen Herausgeber in besonderer Weise, dem Gegenwind der politischen Zeitgeschichte ausgesetzt. In kaum überbietbarer Schärfe kritisiert Carl Dallageo 1926 den Mussolini-Faschismus: er muß sofort nach Nordtirol übersiedeln. Die 13. Folge des „Brenner“ (1932) mit Haeckers „Reich“-Aufsatz darf ab 1933 nur mehr mit geschwärzten Seiten nach Deutschland ausgeliefert werden. Theodor Haecker erhält im nationalsozialistischen Deutschland Rede- und Schreibverbot. Fickers Korrespondenzen mit Wilhelm Kütemeyer und Alfred Baeumler zeigen Ficker und den „Brenner“ zentral im Entscheidungsbereich der jungen deutschen Intelligenz zwischen Marxismus, aufkeimender nationalsozialistischer Ideologie und einem kierkegaardisch verstandenen Christentum.

Mit Fickers Rückkehr zur Katholischen Kirche 1933 vollzieht auch der „Brenner“ eine exemplarische Wende, freilich mit anderen Konsequenzen, als der politische Katholizismus sie damals erwarten ließ.

Ficker steht mit vielen Juden in Verbindung, die in den 30er Jahren ins Exil gehen müssen, auf mit dem vom Judentum konvertierten Kaplan Johannes Österreicher, der in Wien „Die Erfüllung“ herausgibt, damals die einzige Zeitschrift in Österreich, die sich um eine Versöhnung von Christentum und Judentum bemüht.

Gleichfalls von Wien aus versucht August Zechmeister – vom Geist des „Brenner“ erfüllt – Christentum und Sozialdemokratie zusammenzubringen, um in Österreich die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus zu verhindern. Im selben angestrengten Bemühen schickt Hermann Broch 1937 seine „Völkerbund-Resolution“ an Ludwig von Ficker, ein Manifest, sozusagen in letzter Minute, zur Wahrung des Friedens, der Menschenwürde und der Menschenrechte.

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