Abgründe und Aufbrüche. Neue Studien und Kritiken (2014-2019)

Abgründe und Aufbrüche. Neue Studien und Kritiken (2014-2019) von Keßler,  Mario
Abgründe und Aufbrüche in historisch zugespitzten Konstellationen des letzten Jahrhunderts sowie politische Gelehrte, die solche Scheidewege der Geschichte reflektierten, sind hauptsächlich Gegenstand der vorliegenden Aufsatzsammlung. Am Vorabend seines Eintritts in den Rentenstand versichert ihr Verfasser, dass dies nicht das Ende seiner Wortmeldungen zu all den Themen ist, die im vorliegenden Band untersucht, reflektiert oder umkreist werden. Der Band ist in sieben Sektionen gegliedert. In der ersten Sektion behandelt vier Beiträge Aspekte der Umbruchzeit zwischen Erstem Weltkrieg und den aus ihm erwachsenden Revolutionen. Der Beitrag über deutsche Historiker im Ersten Weltkrieg zeigt die massenhafte Anfälligkeit führender Akademiker für Chauvinismus und Militarismus und deren Ursachen; Probleme, die in unserer Zeit mit dem Erstarken auch eines akademischen Rechtsradikalismus – und seiner stillschweigenden Duldung durch Liberale – in neuer Form wiederauftauchen könnten. Die Zimmerwalder Konferenz 1915 und die deutsche Revolution 1918 waren zwei sehr unterschiedliche Versuche, Auswege aus dem Kriegskapitalismus zu finden; Linkszionismus und Kommunismus als Wege der Judenemanzipation zu vereinen, wie es die Poale Zion mit ihren Beitrittsbemühungen zur Komintern 1919–1922 unternahm, entsprang gleichfalls der Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative zu Krieg und chauvinistischer Verhetzung, die schon damals im Antisemitismus gipfelten. Der zweite Abschnitt wendet sich radikalen Linken zwischen Aufbruch und Abgrund, zwischen Revolutionserwartung, Faschismus und Stalinismus zu. Vier Berichte deutscher und englischer Reisender nach Sowjetrussland aus dem Jahr 1920 weisen auf Probleme des jungen Staates hin, vor denen die scharfsichtigen Beobachter ihre Augen nicht verschlossen. Den denkbar schärfsten Bruch in ihrer Existenz mussten deutsche und österreichische Kommunisten als Flüchtlinge in den USA ab 1938 verarbeiten; das Land des Hochkapitalismus bot auch jenen Sicherheit vor den Nazimördern, denen die wirtschaftliche Ordnung der Vereinigten Staaten als – manchmal heimlich bewundertes – Gegenmodell ihrer utopischen Vorstellungen erschien. Dies galt gerade auch für Stefan Heym, dem ein eigener Beitrag gewidmet ist. Susanne Leonhard und Ruth Fischer verarbeiteten auf teils ähnliche, teils grundverschiedene Art die politischen und biographischen Brüche ihrer oftmals höchst gefährdeten Existenz. Um Vertreibung und Vernichtung geht es im dritten Abschnitt: in einem Beitrag zur Massenflucht als Signum des 20. Jahrhundert wie in zwei Beiträgen zur faschistischen Rassenpolitik und einer Abhandlung zum SS-Sport; zu Vertreibung und Selbstbehauptung legen im vierten Abschnitt vier Flüchtlingsschicksale Zeugnis ab; der fünfte Abschnitt, der sich Fragen der Wechselbeziehungen von Kultur, Sport und Politik zuwendet, schlägt die Brücke vom Roten Wedding der Weimarer Republik bis zu den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko. Herausragenden Historikern als Mitgestaltern unserer Zeit ist der sechste Teil gewidmet: Wolfgang Leonhard, Hermann Weber, Walter Laqueur und dem viel zu früh verstorbenen Axel Schildt. Wie dieser Teil, besteht auch der siebente aus Beiträgen, in denen mir die traurige Pflicht zum Nachruf auferlegt war; in jedem seiner Abschnitte suche ich meine Lehrer und Freunde Werner Berthold, Hans Piazza, Georg Iggers und Theodor Bergmann zu würdigen, die alle im Jahr 2017 starben – einem wahren Annus horibilis für den Verfasser dieser Zeilen. So verschiedenartig im Gegenstand und der Breite oder Knappheit der Gedankenführung die einzelnen Aufsätze und Studien dieses Bandes sind: Sie alle sind einem Anliegen verpflichtet, „der Aufkündigung dessen“ entgegenzuwirken, „was man als das Projekt der Aufklärung […] bezeichnen könnte, die Errichtung eines universellen Systems solcher Regeln und Normen des Moralverhaltens.“ Mit Eric Hobsbawm, auf den ich mich hier beziehe, meine ich, solche Werte bilden „das einzige Fundament all jener Bestrebungen, Gesellschaften zu errichten, in denen alle Menschenwesen überall auf dieser Erde leben können“ ; ein Fundament, auf dem, und auch hier folge ich Hobsbawm, die Kämpfe der Arbeiterbewegung fußten, die heute in manchen Teilen der Welt scheinbar nur noch Vergangenes verkörpern. Umso wichtiger ist mir die Neubelebung solcher Werte, die – auf den kürzesten Nenner gebracht – soziale Gerechtigkeit in politischer Freiheit herstellen und bewahren wollen. Dies mit den Mitteln historischer Forschung zu befördern, sehe ich als vornehmste Aufgabe meines Berufes. Von einer Ausnahme, dem Beitrag über Ernst Busch, abgesehen, entstanden die hier abgedruckten Arbeiten in den Jahren 2014 bis 2019. Zu danken ist folgenden Verlagen, Bildungsvereinen und Zeitschriften für die Genehmigung zum Wiederabdruck: Arbeit-Bewegung-Geschichte. Zeitschrift für historische Studien (Metropol Verlag, Berlin); Archiv für Sozialgeschichte Online (Berlin); Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e. V.; Das Blättchen (Berlin); Edition Bodoni (Berlin); Franz Steiner Verlag (Stuttgart); Helle Panke e. V. (Berlin); Links! Politik und Kultur für Sachsen, Europa und die Welt (Dresden); Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e. V. (Erfurt/Jena); Sozialismus (VSA-Verlag, Hamburg).
Aktualisiert: 2020-12-03
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Revolution und Konterrevolution

Revolution und Konterrevolution von Keßler,  Mario
Die Schlüsselwörter dieser Aufsatzsammlung, Revolution und Konterrevolution, die ihr auch den Titel gaben, haben Menschen oft beschäftigt. Eine Revolution ist dann unvermeidlich, wenn die vormals Herrschenden sich mit „halben“ Reformen zufriedengeben, um ihre Macht zu retten. Rechtzeitige Reformen, die eine Gesellschaft modernisieren, können hingegen überkommene Macht- und Besitzverhältnisse noch lange bewahren. Manche Historiker betonen, dies sei einer der Lektionen gewesen, die der Kapitalismus besonders seit 1945 gelernt habe. Es waren Unvermögen und Mangel an Willen zur Reform, der dem sowjetischen Entwicklungsmodell, wie wir heute wissen, den Weg in die falsche Richtung wiesen. Einer Minderheit unter Kommunisten wurde dies schon vor dem Zweiten Weltkrieg bewusst. Zu ihnen gehört Theodor Bergmann, der am 7. März 2016 seinen 100. Geburtstag begehen kann. Als Jugendlicher wurde er bereits 1929 in der Jugendorganisation der KPO, der Kommunistischen Partei-Opposition, politisch tätig. Die KPO hielt an einer revolutionären Entwicklungsperspektive der Gesellschaft fest, was hieß: an der Ablösung des Kapitalismus durch eine sozialistische Ordnung. Doch könne dies nur Ergebnis einer Mehrheitsentscheidung der Menschen sein. Nur die Gewinnung politischer Mehrheiten verhindere, dass die Kräfte der alten Ordnung das Rad der Geschichte zurückdrehen könnten. Dreh- und Angelpunkt jedes gesellschaftlichen Fortschritts aber sei ein Sozialismus, der die bürgerlichen Freiheitsrechte nicht nur bewahre, sondern ins Ökonomische ausweite. In Stalins Sowjetunion sei hingegen die sozialistische Demokratie abgestorben und durch eine „zentralisierte staatliche Zwangsarbeit“ ersetzt worden, schrieb August Thalheimer, der wichtigste Theoretiker der KPO. Die Allmacht des Staates habe dort eine Stufe erreicht, wie selbst „nicht in den faschistischen Staaten oder den Diktaturen lateinamerikanischen Stils.“ Ob „die atomisierten Arbeiter ein selbstbestimmendes und kollektiv handelndes Ganzes werden im Widerstand und Kampf gegen die allmächtige Staatsmaschinerie“, sei offen. „Eine Lösung dieses Widerspruchs ist auch der Untergang dieses ersten großen Versuches, im großen Maßstab den Horizont der kapitalistischen Gesellschaft zu überschreiten.“[1] Da die bürgerliche Revolution in Russland 1917 unfähig zur Gesellschaftsreform war, sie an der Friedens- wie der Land- und der Nationalitätenfrage scheiterte, folgte eine neue Revolution. Doch auch diese zerbrach an ihrer wichtigsten Aufgabe, deren Bedeutung sie zudem kaum erkannte: demokratische Freiheitsrechte in einer sozialistisch-demokratischen Ordnung zu bewahren und zu fördern. In Deutschland erfüllte die Novemberrevolution 1918 nicht einmal alle notwendigen Aufgaben einer bürgerlichen Revolution; und aus der Tatsache zweier historisch steckengebliebener Revolutionen bei Anwachsen sozialistischer Zukunftswünsche erwuchs eine gegen-zivilisatorische Bewegung der Konterrevolution: der Faschismus. Revolution und Konterrevolution bestimmten das Leben Theodor Bergmanns zwischen Gewalt und Humanität. Um diese Antipoden geht es in den Aufsätzen des hier vorliegenden Buches. Neben Sachthemen wenden sie sich auch Freunden und Genossen des Jubilars zu, so Paul Böttcher, Ernst Engelberg, Wolfgang Ruge, Gert Schäfer und Nathan Steinberger, mit denen Theo Bergmann gemeinsam arbeitete, kämpfte und bisweilen auch stritt. Von wenigen älteren Beiträgen abgesehen, entstanden die hier wieder oder erstmals abgedruckten Essays in den Jahren 2010 bis 2016. Sie wurden in Einzelfällen behutsam ergänzt und, wo nötig, mit Anmerkungen versehen.
Aktualisiert: 2019-12-14
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