Daniel Enkaoua
Facing Spaces and Landscapes
Saarländisches Künstlerhaus Saarbrücken e.V.
Im Licht des Anfangs
Romane sind in drei Sätzen zu skizzieren. Anders kommt eine Art Kurzgeschichte heraus, aber kein Roman. Ein Roman wächst aus einem kleinen Setzling zu einem Baum oder Wald, während Prosa immer bruchstückhaft bleibt. Romane neigen zur Fortsetzung, was Prosa nicht tut. Der Unterschied ist der gleiche wie zwischen Zeichnen und Malen.
Als ich Daniel Enkaoua in Paris 2012 zuletzt traf, sprachen wir über die verschiedenen Versionen der Genesis und die Frage, wie sie miteinander in Einklang zu bringen sind. Das Thema ging mir im Kopf herum und ich war froh darüber reden zu können, denn er ist ein Gelehrter und kennt die Torah in- und auswendig.
Die Genesis beschreibt die Erschaffung der Sprache. Im Kopf eines Einzelnen zunächst, dann in den Köpfen einer Gruppe erschienen klare Begriffe von Himmel und Erde, Licht und Dunkelheit und Wasser, Gras, Kräutern, Fruchtbäumen, Sternen und Jahreszeiten, Sonne und Mond, Fischen und Vögeln und Walen und Geflügel und Vieh und Tier und Mensch, Mann und Frau und wurden untereinander geteilt. Das ist buchstäblich wahr, nicht bloß als Metapher. Aber eine Wahrheit liegt auch in der Annahme, dass die Genesis nicht die Erschaffung von Worten und Trennungen und damit der Sprache meint, sondern die Erschaffung der Welt, weil Sprache die Welt ist, die sie beschreibt, genauso wie das Gesetz der Staat ist, in dem es besteht. Gott ist der einsame Sprecher in einer Welt, in der noch keiner spricht, der Eine, der abseits steht und unterscheidet, woraus die Wirklichkeit sich zusammensetzt, der, den zunächst keiner versteht. Es hat viele Götter gegeben, sagte ich, so viele, wie es verschiedene Sprachen gibt. Viele Götter sind mit den Sprachen gestorben, die sie erfanden, manche ohne sie den Gruppen aufzuerlegen, von denen sie als Götter abseits standen.
Daniel interessierte es, dass ich versuchte, im Mythos einen Sinn zu sehen und ihn nicht als Unsinn abwies oder gegen seine Metaphern sprach, sondern eine Erklärung gab, die einen Sinn haben konnte, vor allem für einen Maler, jemanden, der mit Trennungen vor der Sprache zu tun hat, mit Schöpfung in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs.
Drei Sätze legen den Grund für einen Roman, so wie die Sätze des ersten Kapitels der Genesis. Bei der Beschreibung eines Gemäldes muss der Schreibende so lange durchhalten, wie Leserin oder Leser brauchen, um aufmerksam hinzusehen. Die Beschreibung sollte ihnen helfen Dinge zu sehen, die durch Unaufmerksamkeit oder Mangel an Gewohnheit oder Vorurteil verschleiert sind. Wenn sie beginnen, das Gemälde zu sehen, kann seine Beschreibung wegfallen, bis auf drei Satze oder einen Satz vielleicht, die der Betrachter im Kopf behält.
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