Pareidolia
Joannie Baumgärtner, Felix Neumann
Große Datenmengen enthalten zwangsläufig Muster, die sowohl auf- als auch zufällig sind.
Werden diesen Mustern bestimmte Eigenschaften oder Bedeutungen zugeschrieben, handelt es sich um eine sogenannte Clustering-Illusion. Diese Illusion bezieht sich nicht nur auf abstrakte Abfolgen bestimmter Informationseinheiten, sondern auf reale Dinge und Strukturen – Externe Objekte werden mittels bestehender Wahrnehmungsprozesse verarbeitet und daher in bereits vorhandene heuristische Kategorien eingeordnet. Sternformationen erinnern an Tiere, Wolken haben die Form von Gegenständen, Bergformationen sehen aus wie menschliche Körper, Jesus Christus erscheint auf einer Scheibe Toast.
Für dieses Buch wurde ein neuronales Netzwerk benutzt, um Landschaftsbilder zu erzeugen. Dabei erkennt das Netzwerk Strukturen innerhalb des Bildes und verwendet diese, um zusätzliche Strukturen in das Bild einzufügen. Das Ergebnis erinnert an Landschaftsmotive klassischer und romantischer Malerei. Hier ist die unberührte Weite sich noch selbst genug, obwohl ein schauriges Gefühl zurückbleibt, dass da irgendetwas nicht stimmt. Seltsam doch, dass diese Androiden auch von bürgerlichen Sehnsuchtswelten träumen. Die beigefügte Kurzgeschichte lehnt sich stilistisch an frühe Illustrierte und Groschenromane an, versucht den schönen Landschaften aber den Schauer zu entlocken. Die Handelnden treten in dekorativen Zusammenhängen auf, die über sie zu verfügen scheinen. Sie wirken, als hätten sie sich selbst eben erst im Raum entdeckt.
In „Pareidolia“ entsteht so ein Zusammenspiel, welches die Tiefenpsychologie maschinellen Lernens in eine historische Begehrensmotivik überträgt. Deplaziert, aber mit Landschaft, sehnen sich
die Charaktere nach Sinnzusammenhängen. Die
Algorithmen wenden diese Zusammenhänge als Regel an und komponieren so Bilder, die ausgewogen und rätselhaft, aber auch erdrückend homogen sind.