Michael Kongehl (1646-1710)

Michael Kongehl (1646-1710) von Keller,  Andreas
Die erste umfassende Monographie zu Leben und Werk des Königsberger Ratsherren und Bürgermeisters Michael Kongehl erfüllt ein lange gehegtes Desiderat, nicht nur im Sinne eines weiteren biographischen Bausteins zum Autorenpanorama der "Barockzeit". Die zahlreichen Publikationen zum "Preußenjahr" 2001 haben eine Reihe von Aspekten zum Herrschaftsdiskurs im Hohenzollernstaat zur Sprache gebracht und dabei erneut ein fundamentales Manko der historischen Forschung bestätigt: Preußische Geschichte wird stets unter dem Blickwinkel des 18. und 19. Jahrhunderts rekapituliert. Erfolg und Schicksal der brandenburgischen Monarchie finden ihre Deutung immer noch nach dem traditionellen Muster der Einzelbetrachtung dynastischer Exponenten und ihrer Leistungen zwischen 1701 und 1918, ohne die eigentlichen Voraussetzungen, und damit die spezifische Vorgeschichte im namen- und titelgebenden Territorium miteinzubeziehen. An diesem Punkt setzt nun die Studie zu einem bislang völlig unbekannten Protagonisten des Königsberger Gelehrtenwesens an und unternimmt unter methodisch und quellentechnisch völlig neuen Voraussetzungen eine Problematisierung des hohenzollerschen Erhebungsaktes im Jahre 1701. Das poetische Wirken des Zeitzeugen Kongehl, der sich als Pegnitzschäfer in Nürnberg unter Sigmund von Birken ein differenziertes oratorisches Rüstzeug erworben hatte, ermöglicht einen bislang vollkommen außer Acht gelassenen Zugang zu den bedeutungsvollen Ereignissen des späten 17. Jahrhunderts im damaligen Herzogtum Preußen. Hier vollzogen sich nämlich im Vorfeld der Krönung eine Reihe von militärischen, politischen, konfessionellen und sozialen Auseinandersetzungen, in denen die Souveränität des Hohenzollernfürsten, und damit die unabdingbare Voraussetzung für die Königswürde, keineswegs derart gesichert war, wie es die monarchistische Geschichtsschreibung etwa des 19. Jahrhunderts Glauben machen will. Kongehl, den die Forschung bislang völlig zu Unrecht mit dauerhaften Verdikten wie "ostpreußischer Barockepigone" aus den Betrachtungen ausgeschlossen hatte, ist aber als bürgerlicher Autor und städtischer Administrator maßgeblich in die Vorgänge verwickelt. Mit seinen rhetorisch meisterhaft durchkalkulierten Texten betätigt er sich als kluger Diplomat zwischen den politischen Fronten, zwischen Herrschaft, Rittertum, Stadtpatriziat und Theologentum. Er versucht eine vermittelnde Strategie zu realisieren, die zur Festigung der fürstlichen Position zwar beiträgt, dabei aber einen Bedingungskatalog formuliert, der auf eine bürgerlich-konstitutionelle Monarchie ausgerichtet scheint. Um für seine soziale Schicht, für das gelehrte Bürgertum, in der chancenreichen Umbruchsituation eine zukunftsweisende Perspektive der politischen Mitgestaltung und Mitbestimmung zu eröffnen, bedient Kongehl sich einer wohldurchdachten Doppelstrategie: Die nachdrückliche Akzeptanz des brandenburgischen Schutzherrn verbindet er mit der breitenwirksam orientierten Vermittlung einer auf das autonome Individuum bezogenen Erkenntnis-, Empfindungs- und Verantwortungskultur. Mit solcherart lebenspraktischer Schulung hofft der poetische Präzeptor die bürgerliche Schicht zu befähigen, sich schrittweise von dem mit der lutherischen Orthodoxie herrschenden Adel zu emanzipieren und sich in den brandenburgischen Planungen eines kurfürstlichen Absolutismus als selbstbewußter Vertragspartner einzubringen. Anhand minutiöser rhetorischer Analysen der Kongehlschen Dramen, Eklogen, Kasualia und Epen, vor allem auch ihrer allegorischen, emblematischen und metaphorischen Substrukturen und Subtexte, rekonstruiert die Untersuchung das spannungsgeladene Operieren der unterschiedlichen Interessengruppen und beleuchtet somit einen fundamentalen Paradigmenwechsel, der für die preußische, deutsche und europäische Geschichte von weitreichenden Folgen sein sollte. Daß sich die Hoffnungen Michael Kongehls auf eine vom Bürgertum getragene liberale preußische Monarchie nicht erfüllen sollten, bleibt nicht nur eine persönliche Problematik: sie läßt sich bei entsprechendem Erkenntnisinteresse auch bei Autoren des 18., 19. und 20. Jahrhunderts weiter verfolgen, so daß das Werk des Frühneuzeitpoeten eine Fragekonstellation vorgibt, mit der sich vor allem auch die nachfolgende Geschichte seiner als "Ostpreußen" in die belanglose Randzone des künftigen Imperiums gedrängten Heimatregion vermessen läßt. Auch Alfred Brust, Johannes Bobrowski oder Siegfried Lenz benutzen noch die poetischen Versatzstücke, mit denen Kongehl seinerzeit ein preußisches Nationalbewußtsein aus osteuropäischer Warte zu konstituieren versuchte. In dieser Hinsicht gehört der Pegnitzschäfer vor allem auch in den umfassenden Forschungskomplex einer 'Deutschen Literatur in Osteuropa'.
Aktualisiert: 2020-01-20
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