Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, der alle gesellschaftlichen Kreise umfassenden Kriegseuphorie im Sommer 1914 und der antiquierten Politikkonventionen des kaiserlichen Deutschlands gelangte Kurt Hiller (1885–1972) ab 1915 von der literarischen „Schöngeisterei“ zum politischen „Aktivismus“ (so seine eigene Standortbestimmung).
„Geist“ definierte er nicht als bloßen Intellektualismus, sondern als Inbegriff humanitärer Verantwortung. Habe das Leben einen Sinn, „kann das nur der sein: das Los der Menschheit nach Kräften zu bessern.“ 1915 schrieb Hiller: „Da alle bisherige Erfahrung zeigt, daß die Verwalter der Nationen auf das bloße Wort des Geistes nicht hören, müssen die geistigen Menschen selbst die Verwaltung der Erde in die Hand nehmen.“
„Verwirklichung des Geistes im Staat“ umschreibt den uralten Traum, den Geist in den Stand der Macht zu setzen. „Die Philosophen sollen Könige sein, oder die Könige Philosophen“; diese Forderung Platons griff Hiller auf. Das „Volk“ in seinen empirischen Ganzen war für Hiller „die Gesamtheit der Mittelmäßigen“. Entsprechend würden sich die Parlamente als „Tummelplätze der Mittelmäßigkeit“ erweisen. Der numerisch ermittelte Durchschnitt an Auffassungen regiere. Nicht die „Besten“ erarbeiten das Optimum des Politikprozesses.
Entsprechend optierte Kurt Hiller für ein Zweikammer-System, das in der Verfassung festgeschrieben werden sollte. Neben der in freien Wahlen konstituierten „Volkskammer“ solle eine „Kammer der Geistigen“ zur Legislative dazugestellt werden. Hiller entwarf das Modell einer – wie er selbst formulierte – „Logokratie“. Sein Verfassungsentwurf war kein geschlossenes System. Selbstkritisch musste auch er eingestehen, dass die Frage (noch) offen bleiben müsse, wie sich denn die „Geistigen“ zu eben jener „Kammer“ konstituieren.
1925 erschien das Buch „Verwirklichung des Geistes im Staat“, in dem zentrale, seit Kriegszeiten entstandene Aufsätze von Hiller zur „Geistigen-Herrschaft“ vereint sind. Daneben enthält es grundlegende Arbeiten Hillers zu seinem Pazifismus-Verständnis.
Lange war das Buch des erfolgreichen „Weltbühne“-Autors schwer zugänglich. Die Nazis hatten es aus Bibliotheken verbannt. Restauflagen waren vernichtet worden. Der jetzt vorliegende Nachdruck enthält eine Einführung Harald Lützenkirchens, des Kurt-Hiller-Nachlass-Verwalters, zur Geschichte des Buchs.
Aktualisiert: 2023-06-22
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Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, der alle gesellschaftlichen Kreise umfassenden Kriegseuphorie im Sommer 1914 und der antiquierten Politikkonventionen des kaiserlichen Deutschlands gelangte Kurt Hiller (1885–1972) ab 1915 von der literarischen „Schöngeisterei“ zum politischen „Aktivismus“ (so seine eigene Standortbestimmung).
„Geist“ definierte er nicht als bloßen Intellektualismus, sondern als Inbegriff humanitärer Verantwortung. Habe das Leben einen Sinn, „kann das nur der sein: das Los der Menschheit nach Kräften zu bessern.“ 1915 schrieb Hiller: „Da alle bisherige Erfahrung zeigt, daß die Verwalter der Nationen auf das bloße Wort des Geistes nicht hören, müssen die geistigen Menschen selbst die Verwaltung der Erde in die Hand nehmen.“
„Verwirklichung des Geistes im Staat“ umschreibt den uralten Traum, den Geist in den Stand der Macht zu setzen. „Die Philosophen sollen Könige sein, oder die Könige Philosophen“; diese Forderung Platons griff Hiller auf. Das „Volk“ in seinen empirischen Ganzen war für Hiller „die Gesamtheit der Mittelmäßigen“. Entsprechend würden sich die Parlamente als „Tummelplätze der Mittelmäßigkeit“ erweisen. Der numerisch ermittelte Durchschnitt an Auffassungen regiere. Nicht die „Besten“ erarbeiten das Optimum des Politikprozesses.
Entsprechend optierte Kurt Hiller für ein Zweikammer-System, das in der Verfassung festgeschrieben werden sollte. Neben der in freien Wahlen konstituierten „Volkskammer“ solle eine „Kammer der Geistigen“ zur Legislative dazugestellt werden. Hiller entwarf das Modell einer – wie er selbst formulierte – „Logokratie“. Sein Verfassungsentwurf war kein geschlossenes System. Selbstkritisch musste auch er eingestehen, dass die Frage (noch) offen bleiben müsse, wie sich denn die „Geistigen“ zu eben jener „Kammer“ konstituieren.
1925 erschien das Buch „Verwirklichung des Geistes im Staat“, in dem zentrale, seit Kriegszeiten entstandene Aufsätze von Hiller zur „Geistigen-Herrschaft“ vereint sind. Daneben enthält es grundlegende Arbeiten Hillers zu seinem Pazifismus-Verständnis.
Lange war das Buch des erfolgreichen „Weltbühne“-Autors schwer zugänglich. Die Nazis hatten es aus Bibliotheken verbannt. Restauflagen waren vernichtet worden. Der jetzt vorliegende Nachdruck enthält eine Einführung Harald Lützenkirchens, des Kurt-Hiller-Nachlass-Verwalters, zur Geschichte des Buchs.
Aktualisiert: 2023-06-22
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Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, der alle gesellschaftlichen Kreise umfassenden Kriegseuphorie im Sommer 1914 und der antiquierten Politikkonventionen des kaiserlichen Deutschlands gelangte Kurt Hiller (1885–1972) ab 1915 von der literarischen „Schöngeisterei“ zum politischen „Aktivismus“ (so seine eigene Standortbestimmung).
„Geist“ definierte er nicht als bloßen Intellektualismus, sondern als Inbegriff humanitärer Verantwortung. Habe das Leben einen Sinn, „kann das nur der sein: das Los der Menschheit nach Kräften zu bessern.“ 1915 schrieb Hiller: „Da alle bisherige Erfahrung zeigt, daß die Verwalter der Nationen auf das bloße Wort des Geistes nicht hören, müssen die geistigen Menschen selbst die Verwaltung der Erde in die Hand nehmen.“
„Verwirklichung des Geistes im Staat“ umschreibt den uralten Traum, den Geist in den Stand der Macht zu setzen. „Die Philosophen sollen Könige sein, oder die Könige Philosophen“; diese Forderung Platons griff Hiller auf. Das „Volk“ in seinen empirischen Ganzen war für Hiller „die Gesamtheit der Mittelmäßigen“. Entsprechend würden sich die Parlamente als „Tummelplätze der Mittelmäßigkeit“ erweisen. Der numerisch ermittelte Durchschnitt an Auffassungen regiere. Nicht die „Besten“ erarbeiten das Optimum des Politikprozesses.
Entsprechend optierte Kurt Hiller für ein Zweikammer-System, das in der Verfassung festgeschrieben werden sollte. Neben der in freien Wahlen konstituierten „Volkskammer“ solle eine „Kammer der Geistigen“ zur Legislative dazugestellt werden. Hiller entwarf das Modell einer – wie er selbst formulierte – „Logokratie“. Sein Verfassungsentwurf war kein geschlossenes System. Selbstkritisch musste auch er eingestehen, dass die Frage (noch) offen bleiben müsse, wie sich denn die „Geistigen“ zu eben jener „Kammer“ konstituieren.
1925 erschien das Buch „Verwirklichung des Geistes im Staat“, in dem zentrale, seit Kriegszeiten entstandene Aufsätze von Hiller zur „Geistigen-Herrschaft“ vereint sind. Daneben enthält es grundlegende Arbeiten Hillers zu seinem Pazifismus-Verständnis.
Lange war das Buch des erfolgreichen „Weltbühne“-Autors schwer zugänglich. Die Nazis hatten es aus Bibliotheken verbannt. Restauflagen waren vernichtet worden. Der jetzt vorliegende Nachdruck enthält eine Einführung Harald Lützenkirchens, des Kurt-Hiller-Nachlass-Verwalters, zur Geschichte des Buchs.
Aktualisiert: 2023-06-22
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Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, der alle gesellschaftlichen Kreise umfassenden Kriegseuphorie im Sommer 1914 und der antiquierten Politikkonventionen des kaiserlichen Deutschlands gelangte Kurt Hiller (1885–1972) ab 1915 von der literarischen „Schöngeisterei“ zum politischen „Aktivismus“ (so seine eigene Standortbestimmung).
„Geist“ definierte er nicht als bloßen Intellektualismus, sondern als Inbegriff humanitärer Verantwortung. Habe das Leben einen Sinn, „kann das nur der sein: das Los der Menschheit nach Kräften zu bessern.“ 1915 schrieb Hiller: „Da alle bisherige Erfahrung zeigt, daß die Verwalter der Nationen auf das bloße Wort des Geistes nicht hören, müssen die geistigen Menschen selbst die Verwaltung der Erde in die Hand nehmen.“
„Verwirklichung des Geistes im Staat“ umschreibt den uralten Traum, den Geist in den Stand der Macht zu setzen. „Die Philosophen sollen Könige sein, oder die Könige Philosophen“; diese Forderung Platons griff Hiller auf. Das „Volk“ in seinen empirischen Ganzen war für Hiller „die Gesamtheit der Mittelmäßigen“. Entsprechend würden sich die Parlamente als „Tummelplätze der Mittelmäßigkeit“ erweisen. Der numerisch ermittelte Durchschnitt an Auffassungen regiere. Nicht die „Besten“ erarbeiten das Optimum des Politikprozesses.
Entsprechend optierte Kurt Hiller für ein Zweikammer-System, das in der Verfassung festgeschrieben werden sollte. Neben der in freien Wahlen konstituierten „Volkskammer“ solle eine „Kammer der Geistigen“ zur Legislative dazugestellt werden. Hiller entwarf das Modell einer – wie er selbst formulierte – „Logokratie“. Sein Verfassungsentwurf war kein geschlossenes System. Selbstkritisch musste auch er eingestehen, dass die Frage (noch) offen bleiben müsse, wie sich denn die „Geistigen“ zu eben jener „Kammer“ konstituieren.
1925 erschien das Buch „Verwirklichung des Geistes im Staat“, in dem zentrale, seit Kriegszeiten entstandene Aufsätze von Hiller zur „Geistigen-Herrschaft“ vereint sind. Daneben enthält es grundlegende Arbeiten Hillers zu seinem Pazifismus-Verständnis.
Lange war das Buch des erfolgreichen „Weltbühne“-Autors schwer zugänglich. Die Nazis hatten es aus Bibliotheken verbannt. Restauflagen waren vernichtet worden. Der jetzt vorliegende Nachdruck enthält eine Einführung Harald Lützenkirchens, des Kurt-Hiller-Nachlass-Verwalters, zur Geschichte des Buchs.
Aktualisiert: 2023-02-21
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„Das Jahr 1944 schenkte uns Anfangshauche von Glücksgefühl“, schrieb Hiller in seinen Memoiren angesichts der militärischen Erfolge alliierter Truppen auf dem europäischen Kontinent. Es stellte sich zunehmend die Frage nach der zukünftigen Ausgestaltung eines von den Nazi-Rudimenten befreiten Deutschlands – auch bei Londoner Exilanten. Die Etablierung einer Demokratie als Staatsform galt dabei in weiten Kreisen als ausgemachtes Ziel.
Hiller zweifelte an dieser Vorstellung: „Wenn jemals die Geschichte ein Beispiel geliefert hat für die Inkompetenz von Massenmehrheiten, dann hat die neuere deutsche Geschichte es geliefert. Sie hat gezeigt, wie, nach dem Versagen der Republikaner und der Gemäßigten (...), es möglich war für den Nazismus, der reaktionärsten, barbarischsten, dümmsten aller politischen Doktrinen, (...) sich eine relative Mehrheit (wenngleich keine absolute) ungeahnten Ausmaßes in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus zu verschaffen, mit all den bekannten furchtbaren Konsequenzen für die Nation und die Menschheit.“
Der Weg der Nazis zur Herrschaft im Staat bestätigte Hiller einmal mehr in seiner Forderung nach einer „Herrschaft der Geistigen“, wie er sie als Staats-Utopie unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs bereits entwickelt hatte.
Im Umkreis von Hiller entstand der von ihm im Mai 1945 herausgegebene Sammelband „After Nazism – Democracy?“, in dem vier politisch unterschiedliche, aber auch sich ergänzende Beiträge von vier Exilanten vereint sind. Hiller knüpft dort mit seiner Abhandlung „The Problem of Constitution“ an die Schriften zu seinem Buch von 1925, „Verwirklichung des Geistes im Staat“, an.
„The Problem of Constitution“ liegt hiermit erstmals in einer deutschen Fassung in der Übersetzung Harald Lützenkirchens vor. Der profunde Hiller-Forscher beschreibt in einer Einleitung den Stellenwert der bisher wenig beachteten und schwer zugänglichen Schrift in der Weltanschauung Kurt Hillers.
In 17 Kapiteln spannt Hiller den Bogen von Platons Idee einer Herrschaft der Philosophen bis zu dem – nach seiner Auffassung – als volksfreundlich missverstandenen Mehrheitsprinzip der Demokratie. Wie schon in dem Buch von 1925 plädiert Hiller für eine Kammer der Geistigen, die neben dem vom Volk gewählten Parlament als qualitatives Korrektiv fungieren soll.
Aktualisiert: 2023-03-06
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Geboren 1882 als Arthur Kautzenbach in der schlesischen Provinz – verstorben als US-Staatsbürger Arthur Kay mit 87 Jahren in Los Angeles.
Zwischen den Ereignissen liegt eine vielschichtige Schaffenszeit als Dirigent, Komponist und Arrangeur für das Konzertpodium, die Theaterbühne, den Stumm- und den Tonfilm, die für den jungen Kautzenbach nach dem Studium in Berlin mit der Übersiedelung in die USA 1907 begann. Zunächst Cellist im Boston Symphony Orchestra und Dirigent des Boston Pops Orchestra, wirkte er bald in New York und in der US-amerikanischen Provinz als musikalischer Leiter im populären Musiktheater, vor allem in Zusammenarbeit mit dem Operettenkomponisten Victor Herbert. Als „Arthur Kay“ machte sich der Dirigent, Komponist und auch Kompilator im Stummfilm ab 1918 in Los Angeles sowie kurzzeitig in Seattle und Chicago einen Namen, u. a. in bekannten Häusern wie Grauman’s Million Dollar Theatre. Es folgten Engagements für den Tonfilm, vor allem für die Fox Corporation und andere Hollywood-Studios. U. a. lieferte er Cue Sheets bzw. Partituren zu Charlie Chaplins The Circus und Raoul Walshs The Big Trail. Mitte der 1920er Jahre kehrte er ans Theater zurück. Dabei widmete er sich gegen alle Trends weniger dem Musical als der europäischen und US-amerikanischen Operette – ab Ende der 1930er Jahre in einem langjährigen Engagement bei der Los Angeles Civic Light Opera, etwa mit Produktionen wie Song of Norway und Kismet.
Auf allen Stationen seines künstlerischen Schaffens lieferte Kay Impulse, die aus seinem europäischen Erfahrungsschatz herrührten – grundlegend war dabei die Ausbildung in der kleinstädtischen Lehrlingskapelle seines Vaters sowie das Studium an der noch stark an der Musikästhetik des 19. Jahrhunderts orientierten Berliner Hochschule. Er gehörte damit zu den zahlreichen Immigranten, die in den USA weitreichende Transfer- und Aneignungsprozesse in Gang setzten und die Entwicklung von Musik, Theater und Film nachhaltig prägten.
Die Hamburger Musikhistorikerin Sophie Fetthauer, zeichnet mit der vorliegenden Monographie über Arthur Kay exemplarisch nach, wie mittels dieser Austauschprozesse künstlerische Entwicklungen aus dem „alten“ Europa im Musikleben der so titulierten „Neuen Welt” Eingang fanden.
Aktualisiert: 2023-02-07
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In Warschau 1909 geboren – verbrachte Ignace Strasfogel seine Kindheit in Berlin. 1923 wurde der kompositorisch begabte Junge in Franz Schrekers „Theorieklasse“ aufgenommen; 1926 wurde seine 2. Klaviersonate mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Das Jahr 1933 brachte den jähen Abbruch seiner hoffnungsvollen Karriere in Deutschland und ein Ende seines Schaffens als Komponist.
Noch Ende 1933 konnte er in die USA fliehen. Hier trat er zur Existenzsicherung als Pianist und Dirigent auf – über Jahrzehnte auch an der Metropolitan Opera in New York. Versuche, in den Jahren 1946 bis 1948 sich mit neuen Werken als Komponist in den USA zu etablieren, blieben erfolglos. Auch seine späte dezidierte Rückkehr zur Komposition ab 1983 konnte nicht ändern, dass Strasfogel in den USA nur als Dirigent wahrgenommen wurde – sein kompositorisches Œuvre blieb hier unbekannt.
Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt sich Kolja Lessing mit dem Leben und Werk Strasfogels. Er selbst konzertiert weltweit als Geiger und Pianist, leitet Meisterklassen an Hochschulen und lehrt zur Zeit als Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. In den Jahren 1990 bis 1993 arbeitete Lessing mit Strasfogel zusammen. Er wurde zum Sammler biographischer Zeugnisse, forschte in zahlreichen Archiven und wertete Dokumente und Zeitzeugeninterviews aus.
Diese jahrzehntelange Arbeit kulminiert in dem jetzt vorliegenden, grundlegenden Buch, das Ignace Strasfogel als einen vielseitig orientierten Musiker darstellt, dessen große kompositorische Begabung sich durch die Exil-Erfahrung nur partiell entfalten konnte. In seinen Werken spiegeln sich vielfältige persönliche und zeitgeschichtliche Erfahrungen, die Strasfogels Œuvre zu einem bemerkenswerten Zeugnis im Spannungsfeld zwischen Europa und den USA, zwischen frühem und spätem 20. Jahrhundert machen.
Aktualisiert: 2022-10-12
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Von Großerkmannsdorf (Sachsen) nach Berlin: Frank Schneider, Jahrgang 1942, DER Mentor für Komponisten Neuer Musik zu Ostzeiten – 17 Jahre Intendant am Berliner Konzerthaus zu „westlich“-vereinigten Westzeiten, stellt hier mit einem Funken (Selbst-)Ironie und vor der Folie seines persönlichen Wegs vier Schwerpunkte seines Lebens vor:
1. Man begegnet einer Sozial- und Bildungsgeschichte im ländlichen Sachsen zur Zeit der frühen DDR; inbegriffen: Der 19jährige Dirgent beim Freiwilligen-Chor des Polizei-Kreisamtes Dresden-Mitte oder die Arbeit bei der Kartoffelernte mit dem Kommilitonen Friedrich Goldmann.
2. Man schaut in einen Interna-Bericht der Avangarde-Komponisten-Szene und des Musiklebens der DDR, ob an der Humboldt-Universität, als Dramaturg an der Komischen Oper, bei Rundfunksendern oder (nach Promotion B in Greifswald) Professor an der Akademie der Wissenschaften.
3. Man erfährt von einer der wenigen Steil-Karrieren eines „Ossies“ aus dem Kreis der 20.000 abgewickelten Wissenschaftler der DDR-Akademie (neben Thierse und Merkel): 1992 berief der Berliner Senat Frank Schneider zum Intendanten des Konzerthauses am Gendarmenmarkt und des Berliner Sinfonie-Orchesters mit dem fortwährenden Ankampf, eine Ost-Institution nach der Wende zu erhalten und einen in der ganzen Welt beachteten Konzertbetrieb zu organisieren – im stets klammen, aber selbstdarstellerisch „sexy“ Berlin. Es gelang! Namhafte Hausdirigenten: Claus Peter Flor, Michael Schönwandt, Eliahu Inbal, Lothar Zagrosek. Bis 2009 blieb Schneider Intendant.
4. Der Pensionär berichtet über Privates und über die schier unermessliche Publikations- und Vortragstätigkeit während all der Jahre; u.a. von 1995 bis 2005 Vorlesungen an der Hochschule für Musik Hanns-Eisler, ab 2001 Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste.
Und nebenbei erfährt man, wie sich die „ganz Großen“ in seinem Konzerthaus benahmen, hatte Schneider doch im Auftrag von Regierung (Kohl, Schroeder, Merkel) oder Bundestag (Thierse, Lammert) die Aufgabe bei Staatsempfängen, den „Begrüssungsaugust“ auf der Eingangstreppe zu spielen (u.a. Boris Jelzin, Bill Clinton, John Major, Wladimir Putin, Francois Mitterand, den Dalai Lama).
Schneiders Erinnerungen reichen weit über die persönlichen Seiten im deutsch-deutschen Wandel und Berliner Musikgeschichte(n) hinaus.
Aktualisiert: 2022-07-20
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Allein für das Erscheinungsjahr des Buchs, 1922, verzeichnet eine Statistik 499 rechtskräftige Verurteilungen wegen „Vergehen“ gegen den § 175 des StGBs – Tendenz von Jahr zu Jahr steigend. 1925 sind es 1107. Über die NS-Zeit hinweg (1938: 8562) und Zeit der jungen Bundesrepublik (bsp. 1959 – 3804) bewies der Paragraph traurige Kontinuität.
Der Schriftsteller, bekannte Weltbühne-Autor und promovierte Jurist Kurt Hiller (1885-1972) setzte 1922 mit seinem „Schmach-Buch“ ein Zeichen, – in dem er etliche Tabus brach und mit Vorurteilen aufräumte. In dem Buch fordert er nicht nur die Abschaffung des § 175 StGB, sondern tritt für ein selbstbestimmtes Sexualleben eines jeden Menschen ein. Homosexuelle rief er dazu auf, selbstbewusst für die eigenen Menschenrechte einzutreten: „Die oberste Aufgabe der Homosexuellen unseres Landes lautet heute und lautet morgen: zu kämpfen.” Und: „taktisch falsch ist, Mitleid einzuflößen. Man muß nicht winseln, man muß protestieren. Man muß nicht betteln, man muß fordern. Wehmütig-demütige Selbstdenunziation eines leider pathologischen Geschöpfs (dies der ältere, ›humanitäre‹ Standpunkt) führt günstigstenfalls zu dem Resultat, daß ein paar tolerante Geheimräte das Gefängnis durch das Irrenhaus zu ersetzen vorschlagen.“
Kapitel-Überschriften des Hillerschen Buchs von 1922: I. Vorrede; II. Homosexualismus und erster Deutscher Vorentwurf; III. Statt dessen verdienen die Feuilletonisten; IV. Ethische Aufgaben der Homosexuellen; V. Sexualfreiheit und Proporz; VI. Befreiung durchs Parlament; VII. Volksentscheid? VIII. Schutz auch den Prostituierten! IX. Rücksicht auf die Reaktion? X. Offene Erwiderung an den Doktor der Medizin S.; XI. Zum Fall Wyneken; XII. Zu Wyneken’s Buch „Eros“; XIII. Recht und sexuelle Minderheiten; XIV. Anhang: Die Petition; XV. Nachwort aus der Höhe
Als Hiller das Buch 1922 in einer Auflage von 5000 Exemplaren veröffentlichte, wagte zwar keiner, es zu besprechen. Der „beschwiegene“ Band war aber sofort vergriffen. Jetzt, 100 Jahre nach dem Ersterscheinen, wird er mit einem Reprint gewürdigt.
Die Neuausgabe enthält ergänzende Materialien – eine Auswahl entlegener Hiller-Texte, die nach 1922 erschienen – und den kompletten Text der Schrift „Der Strafgesetzskandal“, die der produktiv schreibende Zeitkritiker 1928 vorgelegt hatte.
Aktualisiert: 2022-04-21
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Der Komponist Friedrich Goldmann (1941–2009) bewegte sich in unterschiedlichen Musikgattungen. Er erreichte ab Ende der 70er Jahre in Deutschland (Ost und West), wie international eine herausragende Reputation. Neben den Vokalwerken und einem Bühnenwerk wurden vor allem seine Orchesterwerke und Kammermusiken überall auf der Welt gespielt; auch posthum: Das Londoner Philharmonia Orchestra würdigte beispielsweise Friedrich Goldmann anlässlich seines 75. Geburtstags in der Royal Festival Hall mit einem Portraitkonzert. Impulse setzte Goldmann für die Neue Musik – ebenso für die Ausbildung junger Komponisten/innen (unter ihnen: Enno Poppe, Helmut Oehring, Arnulf Herrmann, Steffen Schleiermacher, Charlotte Seither, Paul Frick, Olav Kröger, Ellen Hünigen, Hanspeter Kyburz, Nicolaus Richter de Vroe).
Reiner Kontressowitz, der ein Jahrzehnt lang als Lektor im Musikverlag, Freund und Musikwissenschaftler den Komponisten und sein Werk begleitete, stellt in dem vorliegenden Band zwei eminent wichtige Werkgruppen vor. Aus den Jahren 1964 bis 1971 sind es die Essays I bis III – aus den Jahren 1990 bis 2003 die Klangszenen I bis III. Beide Gruppen sind zeittypische Zeugnisse des gesellschaftskritischen Komponierens.
Das Kombinieren unterschiedlicher Klangfelder und deren innere Bewegung und Dynamik hat bereits den jungen Friedrich Goldmann interessiert. Er beschäftigte sich in den 1960er Jahren mit dem Phänomen von Massenereignissen. Sein Augenmerk richtete sich auf Polaritäten innerhalb von Massenereignissen, die nicht mehr exakt ausnotiert sind. Sie spiegeln wider, dass auch ein aufführendes Orchester optisch deutlich macht, dass hier achtzig oder hundert Leute agieren, von denen mitunter jeder unter gewissen Voraussetzungen etwas anderes spielt.
In den drei „Klangszenen“ setzt Goldmann Klänge und Geräusche als zutiefst sinnlich geprägte Kompositionen in Szene. Es sind Klänge und Geräusche, bei denen uns der Komponist miterleben lässt, wie sie ihren Raum und die Form konstituieren. Das Erlebnis des Hörens ist das Erleben des Werdens und Wachsens einer Komposition.
Vor dem Hintergrund einer eingehenden Werkanalyse rückt die Frage in den Blickpunkt, inwieweit die „Klangszenen“ als Basis für eine »5. Sinfonie« gesehen werden können, über die Goldmann sechs Jahre vor seinem Tod nachdachte.
Aktualisiert: 2021-04-22
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Mehr als 450 Musiker und Musikerinnen waren unter den etwa 18.000 überwiegend jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich, die ab 1938 vor der NS-Verfolgung in die chinesische Hafenstadt Shanghai flohen. Für die meisten war die Stadt kein Wunschziel, die zunächst teilweise, später ganz von den Japanern besetzt war. Kriegsbedingt gab es dort aber gerade keine Einreiseformalitäten.
Für die Zeit bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1949 war das Shanghaier Exil in politischer, kultureller und sozioökonomischer Hinsicht ein Ausnahmefall. In der 3,5 Millionen-Stadt lebten überwiegend Chinesen, daneben existierten aber exterritoriale Niederlassungen von Franzosen, Briten und US-Amerikanern. Außerdem gab es zahlreiche weitere Ausländergruppen, darunter russische Revolutionsflüchtlinge, Auslandsdeutsche und die Mitglieder bagdadisch-sephardischer und russisch-aschkenasischer jüdischer Gemeinden. Die Flüchtlinge hatten dabei zeitweilig mit einer verordneten Ghettoisierung, Kriegseinwirkungen, Inflation und Mangelversorgung zu kämpfen.
Vor diesem komplexen Hintergrund wird in dem vorliegenden Band erstmals umfassend die Frage nach den (sub-)kulturellen Bedingungen, den beruflichen Wirkungsfeldern und last but not least die Frage nach Anpassung und Abgrenzung der geflüchteten Musiker und Musikerinnen gestellt. Manche integrierten sich in die etablierten, meist westlich geprägten Konzert-, Bühnen- und Unterhaltungsbetriebe sowie in das musikalische Ausbildungswesen. Daneben entwickelte die Flüchtlingsgemeinschaft im Stadtteil Hongkew ein eigenständiges Musikleben. Der Integrationgrad in das „Stadtleben“ war dabei sehr unterschiedlich. Einige passten sich an die Gegebenheiten an und konnten in einen produktiven Austausch mit eingesessenen Kollegen oder Schülern treten. Andere blieben dem Musikleben einer Flüchtlingssubkultur verhaftet. Manche strebten in beide Richtungen oder mussten ihren Musikberuf aufgeben.
U. a. stehen folgende Themenfelder im Blickfeld: die Rolle der Hilfsorganisationen im Vorfeld des Exils • populäres Musikleben • gewerkschaftliches Engagement • klassisches Musikleben und Institutionalisierung • Shanghai Municipal Orchestra • Bühnenschaffen • Kantoren in Synagoge und Konzert • Musikpädagogen und chinesische Schülerkreise • kompositorische Aktivitäten • Weiterwanderung und Wiedergutmachung nach Kriegsende.
Aktualisiert: 2021-06-17
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Inhalt: Einleitung zum Konzept der Bände und Vorwort; 1. Dialektik und Formalismus. Zur Kritik des literaturwissenschaftlichen Idealismus; 2. Shakespeares Spiegel. Zur materialistischen Auffassung der Künste; 3. Shakespeare in the Context of Renaissandbce Europe; 4. Geschichte, Humanität, Utopie. Zum Wirklichkeitsverhältnis des Shakespeare-Dramas; 5. Zukunft in der Vergangenheit. Utopische Orte bei Shakespeare; 6. Schacherjude, Opfer, Clown oder Mahner? Zur Problematik von Shakespeares Shylock-Gestalt (mit Martin Berner); 7. Shakespeares durch die Augen Brechts: die Spätstücke, als episches Theater betrachtet; 8. Shakespeare und die Tradition der Friedensidee; 9. „And Make Poor England Weep in Streams of Blood.“ Nationale Geschichte und irenischer Humanismus in Shakespeares Historien; 10. Shakespeare. Humanismus und plebejische Tradition. Kontur eines Forschungsprojekts; 11.“Die Widersprüche produktiv hervortreiben...“ Ein Rundtischgespräch 12.The Irony of Thomas More; 13.Radical and Subversive Traditions in European Literature between 1300 and the Age of Bunyan. 14.Der radikale Doktor Martin Luther: eine Rezension.
Aktualisiert: 2021-01-18
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Eine „mutige Vorkämpferin für ein freies Menschentum“ nannte der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Paul Löbe die Sexualreformerin und Pazifistin Helene Stöcker (1869-1943). Als eine der ersten Frauen mit dem akademischen Titel „Dr. phil.“ (1901, Universität Bern) ist sie Repräsentantin einer demokratischen Tradition, an die heutige Emanzipationsbewegungen anknüpfen, ohne sich dessen immer bewußt zu sein.
Helene Stöckers Lebensweg war geprägt vom Kampf gegen jegliche Form blutiger Gewalt, gegen überkommene gesell schaftliche Konventionen, die individuellen Selbstbestim mungsrechten entgegenstehen. Aktiv kämpfte sie gegen den Paragraphen 218, warb für Mutterschutz und die Rechte nichtehelicher Lebensgemeinschaften. Zusammen mit Persönlichkeiten wie Käthe Kollwitz, Albert Einstein und Clara Zetkin setzte sie sich für eine deutsch-sowjetische Verständigung ein und warb in ihrer Zeitschrift, „Die neue Generation“ (1905-1932), für eine „neue Ethik“, die konservative Wertmaßstäbe noch heute in Frage stellt. 1933 floh Stöcker über die Schweiz nach Schweden und schließlich (über die Sowjetunion und Japan) in die USA. Völlig verarmt und verbittert verstarb sie 1943 in New York.
Aktualisiert: 2021-01-28
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Inhalt: Einleitung zum Konzept; Vorwort zum Zweiten Band; 1. The Radicalism of Swift; 2. Lessings Stellung in der Geschichte des Dramas und der Dramentheorie; 3. Die Revolution in der Form der Kunst. Zur ästhetischen Kultur in Europa; 4. Between 1789-1798: The Revolution in the Form of Thought in Ireland; 5. Eros und Humanität. Ein Versuch zur Mozart-Oper; 6. Der Gedanke der Freiheit im Drama Friedrich Schillers; 7. Shelley und Hölderlin; 8. Hadeswanderung und verwandelte Stadt: zwei lyrische London-Porträts; 9. „Kennst du das Land...“ Sehnsucht im lyrischen Gedicht (Goethe, Eichendorff, Heine, Soyfer); 10. Die Entdeckung der Arbeit in der europäischen Literatur; 11. Prometheus. Zum Verhältnis von bürgerlicher Literatur und materieller Produktion; 12. Goethe und die aktuelle Bedeutung des Humanismusgedankens; 13. Politische Ästhetik: zu Ekkehart Krippendorffs Literaturinterpretation.
Aktualisiert: 2021-01-18
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Der Komponist Josef B. Foerster und seine Frau - die Sängerin Bertha Lauterer-Foerster - begegneten Cosima Wagner im Sommer 1893, der Tochter Franz Liszts und Frau Richard Wagners, als Gäste in der Villa „Wahnfried“ in Bayreuth. Bertha Lauterer-Foerster war von Cosima Wagner gebeten worden, die Rolle der Elsa im Lohengrin für die Festspiele einzustudieren.
Josef B. Foerster, der sich als 70jähriger anläßlich des Todes Cosima Wagners an den Besuch bei ihr erinnerte, kam nach Bayreuth als Autor der Oper „Deborah“ nach einem Sujet von Salomon Mosenthal. Das musikalisch eindrucksvolle Werk ist der Not der jüdischen Flüchtlinge vor einem Pogrom gewidmet. Und über die Oper „Deborah“ unterhielt sich Cosima im Sommer 1893 interessiert mit dem Komponisten, der bei ihr einige Wochen zu Gast war.
Die Brisanz dieses Details aus Foersters Memoiren wird noch deutlicher, wenn wir mehr über den Autor erfahren. Er war in Prag der Präsident eines Vereins Wider den Antisemitismus. Er lebte seit 1893 in Hamburg und dann in Wien, und war ein Intimfreund Gustav Mahlers, mit dem er sich nicht nur über die Musik, sondern auch über Gott und die Religion unterhielt: tolerant und verständnisvoll gegenüber dem Ringen mit dem Judentum, das Mahler in seinem Inneren auszutragen hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde Foerster als „Judenfreund“ denunziert.
Die Auszüge über den Besuch in der Villa „Wahnfried“ aus den Memoiren Foersters, liegen hier erstmals, souverän eingeordnet im historischen und musikgeschichtlichen Kontext von dem Herausgeber Vladimir Karbusicky, in deutscher Übersetzung vor. Ausführlich kommentiert Karbusicky Foersters Erinnerungen an die Begegnungen, würdigt das Verhältnis Wagners zu Prag und präsentiert aus dem Nachlas Josef B. Foersters im Faximile abgedruckte Briefe Cosima Wagners. Lebendig entsteht ein Bild des alten Bayreuths und des Lebens und Treibens in der Villa „Wahnfried“ wenige Jahre vor der Jahrhundertwende.
Voller Bewunderung schrieb Foerster über seinen Besuch bei Cosima:
Wagner schrieb über sie die Worte nieder: „Sie ist eine ganz unerhört seltsam begabte Frau. Liszts wunderbares Ebenbild, nur intelectuell über ihn stehend.“
Im Gespräch begriffen, stand sie am Klavier. Große Figur, Profil von außerordentlicher Ausdruckskraft und Energie, wie eine belebte Medaille einer Prinzessin der Renaissance, dunkles Witwenkleid, seltene Noblesse der Bewegungen, freundliches Lächeln und bezauberndes Feuer im Auge.
Besonders interessierte sich der junge Komponist für ihre Arbeitsweise. Die Schilderungen zeigen Cosima als eine Frau, die die Festspiele nach dem Tod ihres Mannes bis ins Detail - selbst beim Einstudieren der Rollen - vorbereitete; dabei Souveränität wahrend:
Frau Cosimas erstaunliches Temperament und ihre ganz außerordentliche musikalische wie allgemeine Inteligenz blendeten geradezu. (...). Ein junger Baritonist, der sich für die Rolle des Telramund vorbereitete, erzählte mir, er habe die stimmlich exponierte Stelle „Hier stehe ich - hier ist mein Schwert“ nicht weniger als zehnmal nacheinander singen müssen. Aber auch dann blieben ihm des erwünschte Lob und die Zustimmung versagt. Frau Wagner, die sich gerne auf den Meister berief, wiederholte des öfteren: „So, so hat es sich Richard gewünscht...“ - und sang die betreffende Stelle mit bewundernswertem Ausdruck vor. Der müde Sänger, der mit aller Kraft versuchte, den wünschenswerten Ausdruck zu erreichen, verlor plötzlich das innere Gleichgewicht und schleuderte den Klavierauszug in das Klavier. Frau Wagner sah ihn mit unwandelbarer Ruhe an und bemerkte bloß, als verstünde sie nicht: „Sind Sie müde? Ich danke Ihnen, morgen wollen wir fortsetzen“.
Aktualisiert: 2021-01-12
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Die oft zu beobachtende Ratlosigkeit gegenüber "der" Analyse mag zu einem großen Teil auf einer Fehleinschätzung - zumeist einer Überschätzung - ihrer Rolle und ihrer Möglichkeiten beruhen. Bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung (GfM) in Bochum 1995 wurden in der Sitzung der Fachgruppe 'Studierende' die drei im vorliegenden Band abgedruckten Referate von Bettina Schlüter, Gerd Rienäcker und Diether de la Motte vorgetragen. Sie sollten jeweils auf folgende Fragen antworten:
- Gibt es eine Wahrheit in (Resultaten) der Musikanalyse?
- Was ist das Ziel einer Analyse?
- Wie erfolgt die Wahl der Methode?
- Wie ist mit den Voraussetzungen von Analyse umzugehen?
- Welchen Stellenwert sollte die methodische Reflexion in der Analyse haben?
Für den vorliegenden Band wurden drei weitere Beiträge von Wolfgang Horn, Gerd Rienacker und Nico Schaler hinzugefügt. Horn verweist darauf, daß Analyse ohne Sprache und Begriffe nicht auskommt. Wenn es "reine" Erkenntnis der Komposition nicht geben kann, dann sind Diskussionen um Analyseverfahren nicht "absolut", sondern nur "relativ" im Hinblick auf Zwecke und deren Legitimation zu führen. Rienäckers 'praktische' Analyse der ersten Takte von Wagners "Götterdämmerung" ist als Beispiel für zielgerichtetes, methodische Reflexion einschließendes Analysieren gedacht. Dabei geht es nicht mehr nur um Musik allein, sondern um das Zusammenwirken mehrerer Künste im Musiktheater. Schüler gibt einen Überblick über Methoden computerunterstützter Musikanalyse. Er kommt zu dem Ergebnis, daß solche Methoden die 'traditionellen' Verfahrensweisen in Abhängigkeit des Analyseziels zwar ergänzen, nicht aber verdrängen können.
"Musikanalyse" ist keine eigenständige Disziplin, keine "an sich" sinnvolle und in ihren Techniken ein für allemal festzulegende Tätigkeit, sondern eine Methode im ursprünglichen und nachdrücklichen Sinn des Wortes, und das heißt: der Weg zu einem Ziel, das Mittel zu einem Zwecke. Zum weiteren Nachdenken über diese einfache, aber hilfreiche Wahrheit möchte der Band anregen.
Inhalt: Wolfgang Horn: Satzlehre, Musiktheorie, Analyse. Variationen über ein ostinates Thema - Bettina Schlüter: Thesen zum Thema "Musikalische Analyse" - Gerd Rienäcker: Nachdenken über den Sinn musikalischer Analyse - Diether de la Motte: Zu den fünf Fragen - Nico Schüler: Methoden computerunterstützter Musikanalyse - ein historischer Überblick - Gerd Rienäcker: Vorspiel zu einem Vorspiel - die ersten Takte der "Götterdämmerung"
Aktualisiert: 2021-01-12
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Der Band beinhaltet nicht nur die Ergebnisse der Fachgruppensitzung "Studierende" der Gesellschaft für Musikforschung in Mainz 1997, sondern wurde erweitert um Beiträge von Kritikern einer Heroen- bzw. Genie-Musikgeschichtsschreibung. Eine solche läßt sich teilweise bis zum heutigen Tage in der akademischen Historischen Musikwissenschaft nachweisen. Dabei werden die "bekannten” Komponisten immer stärker emporgehoben, andere aus Gründen schwieriger Quellenlage, politischen oder geschichtlichen Ressentiments etc. Vergessen.
Vorliegender Band soll einen Einblick in derartige Problematik geben, wobei musikhistorische Periodisierung als Grundlage von jeglicher Musikgeschichtsschreibung problematisiert (Gerd Rienäcker, Berlin) - oder Heroen-Musikgeschichtsschreibung am Beispiel des Palestrina-Mythos (Peter Tenhaef, Greifswald) bzw. im Gegensatz zur Alltagsmusikgeschichtsschreibung (Nico Schüler, East Lansing, Michigan/USA) exemplifiziert wird. Clemens Risi (Mainz) hinterfragt die Funktion der "Allgemeinen Musikalischen Zeitung" als Organ der Heroenmusikge-schichtsschreibung in Bezug auf deren Urteil über die Oper und deren Aufluhrungspraxis. Hingegen untersucht Andrea Dykstra (Grand Rapids, Michigan/USA) den Beitrag italienischer Opernkomponisten an der Entwicklung des klassischen symphonischen Stils und stellt dar, warum den Gefeierten, die historiographisch als Heroen an der Entwicklung der klassischen Symphonie auftreten, auch andere Komponisten-Namen gleichgestellt werden müssen. Schließlich ist das Verhältnis von Popmusik und (Heroen-) Musikgeschichtsschreibung Gegenstand eines Beitrags von Peter Wicke (Berlin).
Inhalt: Gerd Rienäcker: Epochengliederung, Epochenbegriffe, Epochenumbrüche - Clemens Risi: Die Allgemeine musikalische Zeitung als Organ der Heroenmusikgeschichtsschreibung? Giovanni Pacini (1796-1867) und die italienische Oper im Urteil der AmZ - Andrea Dykstra: The Contributions of Italian Opera Composers to the Development of the Classical Symphonie Style - Peter Tenhaef: "Musica dell'altro mondo" - Entwicklungen und Funktionen des Palestrina-Mythos - Nico Schüler: Von Heroen, Genies und anderen. Zu Musik und Musikleben im Spiegel einer Brünner-Deutschen Zeitung im Januar 1920 - Peter Wicke: „Heroes and Villains“. Anmerkungen zum Verhältnis von Popmusik und Musikgeschichtsschreibung.
Aktualisiert: 2021-01-12
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Dieses Buch zum 50jährigen Jubiläum der Hochschule für Musik und Theater Hamburg enthält Arbeiten aus den Bereichen Musikwissenschaft, Komposition und Musiktheorie, verfaßt von Lehrern der Hochschule.
Inhalt: Hanns-Werner Heister: Geschlechterverhältnisse als Modell. Gegenstände, Themen, Forschungsperspektiven der Musik-Anthropologie • Hermann Rauhe: Wissenschaft zwischen Vision und Tradition. Ziele, Aufgaben und Methoden wissenschaftlicher Forschung an unserer Hochschule • Krista Warnke: Komponistinnen - das verdrängte Geschlecht? Betrachtungen zu Randfiguren der Musikgeschichte • Günter Friedrichs: Schöpferische Unruhe • Halvor Gotsch: Klang als Zeichen? • Peter Michael Hamel: Ein neuer Ton • György Ligeti und Manfred Stahnke: Gespräch am 29. Mai 1993 • Wolfgang-Andreas Schultz: Menschenopfer und Moderne - ein fiktives Interview • Reinhard Bahr: Was heißt hier theatralisch? Zur Satztechnik der Inventio 1 (BWV 772) von J. S. Bach vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Generalbaßlehre • Christoph Hohlfeld: „Im Gegenwärtigen Vergangnes“. Vier Essays zur Komposition • Michael von Troschke: Das Ritornellprinzip in den musikalischen Formen des 18. Jahrhunderts.
Aktualisiert: 2021-01-11
Autor:
Reinhard Bahr,
Günter Friedrichs,
Halvor Gotsch,
Peter Michael Hamel,
Hanns W Heister,
Christoph Hohlfeld,
György Ligeti,
Hermann Rauhe,
Wolfgang A Schultz,
Manfred Stahnke,
Michael von Troschke,
Krista Warnke
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Der Band enthält ein ausführlich kommentiertes, bisher noch nicht veröffentlichtes Manuskript Fritz Reuters, in dem der Burschenschafter von 1832, spätere Bismarck-Verehrer und "Bestseller"-Autor seiner Zeit sein Geschichtsbild vermittelt. Auch gewinnt der Leser Einblicke in Reuters Hausbibliothek.
Aktualisiert: 2021-01-12
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Auf seinem Jahreskongreß im Oktober 2003 in Hamburg stellte der DVSM ein Motto des US-amerikanischen Architekten Louis H. Sullivan aus dem Jahre 1896 über die dreitägige Veranstaltung: "Form follows Function". Der These folgend, daß "das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist" und "die Form immer der Funktion folgt" wurde die Einbindung von Musik in ihre mannigfaltigen funktionalen Zusammenhänge betrachtet
Inhalt:
Albrecht Schneider: form follows function - Versuch einer Problemskizze; Volker Scherliess: Musik am Bauhaus oder: Komponierte Bilder und gemalte Musik - zur Wechselbeziehung zwischen bildender Kunst und Musik um 1920; Andreas Schoon: Musik am Bauhaus und am Black Mountain College - funktionale und interdisziplinäre Aspekte; Ildar Kharissov: Gattungscode und Gattungsklischee - Zur Gattungsproblematik im Gesangsgut der islamischen Kasantataren; Wolfgang Marx: Musikalische Gattungen im Spannungsfeld von Form und Funktion; Steven Vande Moortele: Die Funktion des Mottos in der zweidimensionalen Sonatenform bei Schönberg und Zemlinsky; Susanne Herrmann: Natur oder Geschichte? Zum Status der Rede über Musik bei Hermann von Helmholtz; Martin Pfleiderer: Groove Me. Populäre Musik und systematische Musikwissenschaft; Nina Polaschegg: Klassik für Millionen? Oder: Die Suche nach schwarzen Zahlen; Daniel Müllensiefen und Klaus Frieler: Messung melodischer Ähnlichkeit - Die Funktion verschiedener musikalischer Parameter für die Ähnlichkeitswahrnehmung von Musikexperten; Annekatrin Kessler: Der Subjektbegriff in der Musikpsychologie; Miriam Graf: Entwicklungstendenzen des Komponistennetzwerkes Notam aus strukturationstheoretischer Perspektive; Christopher Gangl: Die Makulatur als Ausdruck des Umgangs mönchischer Gemeinschaften mit Musik. Ein Beitrag zur Makulaturforschung; Martin Kranz: Wem die Stunde schlägt - Die Madrider Generation der Republik" im spanischen Bürgerkrieg am Beispiel von Rodolfo Halffter (1900-1987); Eduard Mutschelknauss: Peter Raabe im Dritten Reich" - Formen zwischen Musik und Politik; Amy Lynn Wlodarski: Memory as Method - Mnemonic Structures in Arnold Schoenberg’s A Survivor from Warsaw"; Mathias Lehmann: Musikalische Holocaust-Reflexion in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Aribert Reimanns Kumi Ori und Peter Ruzickas Recherche (- Im Innersten); Sophie Fetthauer, Peter Petersen, Bahne Sievers und Silke Wenzel: Musik in DP-Camps. Bericht über ein laufendes Projekt der Arbeitsgruppe Exilmusik; Christiane Sporn: Ästhetische Eigenheit, ideologische Vereinnahmung und der Begriff des Politischen. Anmerkungen zum Problem der Behandlung von Instrumentalmusik aus der DDR; Peggy Klemke: Die Rolle von DDR-Musikwissenschaftlern in den fünfziger Jahren bei der Propagierung des sozialistischen Realismus.
Aktualisiert: 2021-01-11
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