Marx interkulturell

Marx interkulturell von Allen,  Amy, Boteva-Richter,  Bianca, Dunaj,  L'ubomír, Graneß,  Anke, Landa,  Ivan, Metz,  Thaddeus, Nakata Steffensen,  Kenn, Örnek,  Yusuf, Saal,  Britta, Shorny,  Michael
Bianca Boteva-Richter und Ľubomír Dunaj (Herausgeber:innen) Marx interkulturell Einleitung Gerade jetzt über historische oder zeitgenössische Rezeptionen bzw. Weiterführungen der marxschen Theorie in verschiedenen Teilen der Welt zu forschen, mag vielleicht etwas erstaunen oder gar als unpassend empfunden werden. Denn trotz vieler Versuche, nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008–2009 in mehreren westlichen Ländern, den Marxismus wieder lebendig zu machen, kann heutzutage (oft aus guten Gründen) eher ein Abflauen des allgemeinen Interesses an »revolutionären Problemlösungen« festgestellt werden. Es kann zugleich kaum die Rede davon sein, dass die marxistischen Gedanken in den letzten Jahrzehnten in der nicht-westlichen Welt große Konjuktur erlebt hätten, eher im Gegenteil; der globale Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausformung erobert weite Teile der Welt. Es ist ebenso nicht leicht abzuschätzen, ob in den Staaten, die sich offiziell immer noch auf die marxschen Lehre beziehen, wie etwa China, Vietnam oder Kuba, die Beziehung zwischen den regierenden Parteien und den marxschen Gedanken noch authentisch genannt werden kann. Dennoch sind die geschichtlichen Wege des Marxismus, sowie die Relevanz bestimmter marxscher Ideen immer noch von ungebrochener Aktualität und Intensität. Hinzu kommt eine spannende, aber zugleich oft grausame Faktizität, die mit bestimmten Ländern und Gesellschaften verbunden ist: Befinden sich doch derzeit zwei der Nachfolgerstaaten der ehemaligen Sowjetunion – Russland und Ukraine – im Krieg. Das sind gerade eben jene Staaten, die früher als Ideenanwender des Marxismus-Leninismus und somit als ein gescheiterter Versuch gelten, ein humanistisches Projekt zu realisieren. Es könnte zwar hier eingewandt werden, dass der heutige Krieg nichts damit zu tun hätte bzw. dass die Probleme bereits ganz zu Anfang an der »Ehe« zwischen dem Marxismus und den älteren russischen imperialen Tradi­tionen, festgemacht werden könnten. [Fußnote 1: Die Komplexität der heutigen Geoproblematik kann und soll in dieser Einleitung nicht zur Gänze erörtert werden. Die Hinweise dienen vielmehr als Reflexionsanregungen. Mehr zur komplexen Beziehung zwischen dem Marxismus und den russichen kulturellen, politischen und philosophischen Traditionen siehe u.a. Arnason, Johann P.: The Future That Failed. Origins and Destinies of the Soviet Model. New York: Routledge 1993.] Oder aber auch, dass die Periode der Perestrojka, die als ein »chaotischer und naiver Versuch« die Sowjetunion zu reformieren, als Initiation dessen vermutet werden sollte. Wer weiß. So oder so, mit dem enormen Einfluss auf die Weltgeschichte, den der Marxismus in fast zwei Jahrhunderten ausgeübt hat, ist es unausweichlich geworden, diese Philosophierichtung, ihre Vertreter:innen, sowie ihre unterschiedlichen methodischen Ableger, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Aus diesen Gründen wird hier ein bescheidener Exkurs in vier Weltregionen unternommen, der einen kurzen Umriss und eine Skizze, aber keine allumfassende Diagnose des Phänomens Marxismus anbieten will. Dies zu tun ist jenseits der o. g. Gründen aber auch deshalb wichtig, weil ein humanistisches Projekt eben ein humanistisches Projekt ist, trotz gescheiterter Versuche, es in die Realität umzusetzen. Oder gerade deswegen. Unser Bemühen, marxsches Denken, seine Rezeption sowie Weiterentwicklung in einigen Teilen der Welt abzubilden, soll zeigen, dass es sich lohnt, immer noch und immer wieder die Ideen von sozialer Gleichheit, gerechten Produktionsbedingungen, ja vom Menschen an sich in unterschiedlichen Denkmodi und unter Bezugnahme außereuro­päischer Modelle nachzuzeichnen. Unsere Polylog-Ausgabe beginnt mit einem Beitrag, der marxsches Denken in Richtung race und Klasse weiterführt und somit der von eini­gen dekolonialen Theoretiker:innen kritisierten Indifferenz der marxschen Theorie zu widersprechen versucht. Amy Allen untersucht einen Text des afro-amerikanischen Theoretikers DuBois, der durch »die Umdeutung der Sklavenbefreiung in eine (vorübergehend) erfolgreiche Arbeiterrevolution die Marx’sche Geschichtsphilosophie ins Wanken [bringt], insbesondere die Auffassung, dass der historische Wandel durch die ambivalente, krisenhafte und widersprüchliche, aber dennoch fortschrittliche Entwicklung und Expansion der Produktionskräfte angetrieben wird«. Durch diese Umdeutung und durch die Analyse der Verbindung zwischen Fortschritt, Arbeiteraufstand und Aufstand der Sklav:innen wird die Behauptung von Marx, dass nur der industrielle Fortschritt und und die damit einhergehende schlechte und ausbeuterische Arbeitsbedingungen einen Arbeiter:innenaufstand initiieren und einen Systemwechsel herbeirufen können, widerlegt. Denn Fortschritt ist nicht gleich Fortschritt, und der Aufschrei gegen die Ausbeutung ist nicht a-kulturell, da hat sich nicht nur der junge Marx geirrt. Später, als »Marx ein entschiedener und lautstarker Befürworter der Sklaven­emanzipation« wird, untersucht die Autorin, ob das marx­sche Denken ein »kritische[s] Bewusstsein für die Unmenschlichkeit, Brutalität und Ungerechtigkeit der Sklaverei und deren zentrale Rolle bei der Entstehung des Kapitalismus letztlich mit Marx’ zutiefst ambivalenter und doch entschieden am Fortschritt orientierten Lesart der Geschichte« schaffen kann. Darüber hinaus zeigt die Autorin auf, dass »DuBois’ Black Reconstruction als ein innovatives Beispiel der marxistischen Tradition [gedeutet werden kann, da] DuBois’ Werk diese Tradition radikal von innen heraus [transformiert], indem die Sklaverei in den Mittelpunkt der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus gestellt wird. Auf diese Weise bietet er uns ein hilfreiches Modell, um die Kapitalismuskritik von der Marx’schen Geschichtstheorie mit ihrem noch fortbestehenden Eurozentrismus und Fortschrittsdenken abzulösen«. Neue Lesearten marxschen Denkens bietet auch der historisch reflektierte Beitrag von Ivan Landa; er bietet etwas, was uns bekannt erscheint, und doch so ferne liegt: eine mitteleuropäische Introspektion in die äußerst kreative Entwicklung marxschen Denkens, die die Verschränkung von Marxismus und Christentum im tschechischen Denken aufzeigt und gar neue denkerische Kraft im negativen Platonismus, im emanzipatorischen Platonismus, im nichtreligiösen/sekulären Christentum und vielen anderen Richtungen entfaltete. Die dabei entstandenen »Debatten, z. B. über Imagination, menschliche Kreativität, Revolution, Kultur, Moral oder den Sinn des Lebens« wurden durch die Verschränkung von Theismus und Atheismus stark beeinflusst. Denn »Marx verstand [zwar] Religion primär als kritische Reaktion der Menschen auf die herrschenden sozialen Verhältnisse und zugleich als Ausdruck des Bedürfnisses, eine bessere soziale Ordnung zu errichten« doch gerade seine Feststellung »Religion sei Opium des Volkes« trieb Reflexionen und Debatten voran, die ihresgleichen suchen: die Verortung der Religion in einer sozialistischen Gesellschaft, das herbeigesehnte »natürliche« Absterben der ersten, sowie der scheinbar »selbstverständliche« Triumph der letzteren wurden von der sozialen Entwicklung mehrmals überholt und infrage gestellt. Das trieb die Denker:innen voran und zwang sie zu philosophischen Erklärungen der Wirklichkeit, wobei »[d]ie Hauptfrage […] jedoch dieselbe [blieb]: Wie ist es nach der sozialen Revolution überhaupt möglich, dass die Religion dem Absterben derart trotzen kann? Eine damals weitverbreitete Antwort lässt darauf schließen, dass die Tendenz, den sozialen Verhältnissen hinterherzuhinken, für das soziale Bewusstsein charakteristisch ist. Religion überlebt, weil die Strukturen des religiösen Bewusstseins der sozialen Veränderung widerstehen.« Um jedoch auf die Feststellung zu Anfang der Einleitung zurückzukommen, dass das Marxistische oder marxsche Denken nicht nur unterschiedliche Realitäten, gescheiterte faktische Versuche und Neuanfänge überlebt hat, kann festgestellt werden, dass die Rezeption und die Weiterentwicklung in vielen Teilen der Welt Gemeinsamkeiten aufweisen, aber auch kulturell unterschiedlich sind; sie werden zudem durch die kulturellen Aspekte und Praktiken des jeweils Anderen bereichert und erneuert. Der Artikel über die marxsche philosophische Anthropologie des japanischen Denkers Miki Kiyoshi kann in dieser Hinsicht exem­plarisch angeführt werden. Dabei geht es nicht nur darum einen neuen Typus von Menschen als Arbeiterakteur:in vorzustellen, denn »Mikis ›marxsche Anthropologie‹ stützte sich auf den frühen Marx, um die Entstehung des subjektiven Bewusstseins und die Transformationsprozesse der Ideologie im Dialog mit der Kyoto-Schule und der nichtmarxistischen, vor allem deutschen Philosophie zu erklären.« Der Versuch war und ist nicht unumstritten, forderte er doch das damalig dialektisch vereinfachte Denken durch eine tiefe sensible Analyse des menschlichen Daseins aus marx­scher Perspektive heraus. Erstaunlich, und auch beängstigend ist, dass das schwarz-weiß plakative Denken von damals genauso wie heute in einfachen Parabeln reflektiert wird. Dies führt dazu, dass die Tableaus kippen und linke Protagonisten mühelos ins Rechte Eck wechseln. Die Situation, die der Autor Kenn Nakata Steffensen bildlich beschreibt, könnte direkt auf die heutige Situation in Russland bzw. der dortigen Politik umgelegt werden. Dieser Artikel ist insofern interessant, als es im deutschsprachigen Raum noch keinen derart ausführlichen und reflektierten Artikel über den japanischen Denker Miki gibt. Der letzte Beitrag in der Marx-Nummer unserer Zeitschrift Polylog vergleicht Marx’ normative Vorstellungen vom menschlichen Wesen, insbesondere aus dessen frühen Schriften, mit typischen Merkmalen einer afrikanischen Ethik, wie sie von afrikanischen Philosoph:innen der Gegenwart konzipiert wird. Bemerkenswert dabei ist, dass auch aus afrikanischer denkerischer Sicht von einem extendierten relationalen Subjekt ausgegangen wird, in dem das Ich mit dem Wir verwoben ist. Dies ähnelt (und das sagt auch der Autor selbst) nicht nur einer aristotelischen sondern auch konfuzianistischen Tradition, die ihrerseits auch im Artikel über den japanischen Marxismus eine Rolle spielt. Im subsaharischen Afrika wird diese These als ein Konzept der Selbstverwirklichung oder als Möglichkeit, eine vollständige Person zu werden, behandelt. Afrikanische Werte gehen vom erweiterten Verständnis des Selbst aus und definieren in weiterer Folge, was »Freundschaft«, »Harmonie«, »Zusammenhalt« und »Kommunalität« bedeuten. Die Gemeinschaft, ein wichtiges Konstrukt marxschen Denkens, bekommt somit eine neue Nuance, über die es sich zu reflektieren lohnt. Denn »von jedem Mitglied wird erwartet, dass es sich als integraler Bestandteil des Ganzen betrachtet und eine angemessene Rolle spielt, um das Wohl aller zu erreichen.« Zum Schluss sei nur erwähnt, dass wir uns wohl bewusst sind, nur einen kurzen Umriss marxschen Denkens, der Rezeption oder Weiterführung in unterschiedlichen Teilen der Welt aufgezeigt zu haben. Es gibt zahlreiche Werke [Fußnote 2: Z. B. Fornet-Betancourt, Rául: Ein anderer Marxis­mus? Die philosophische Rezeption des Marxismus in Lateinamerika. Mainz: Grünewald Verlag 1994 und viele andere., die exemplarisch aufzeigen wie komplex, tiefgreifend und kontinuierlich beispielsweise die Rezeption marxschen Denkens in den verschiedenen Ländern Lateinamerikas ist. Aber das ist eine andere Geschichte, die aufgrund der ungeheuren Fülle, gesondert erzählt werden muss. Viel Freude beim Lesen!
Aktualisiert: 2022-09-01
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Gesundheit und Heilung

Gesundheit und Heilung von Angermeier,  Vitus, Baatz,  Ursula, Estermann,  Josef, Peikert,  Damian, Popp,  Stephan, Saal,  Britta, Schellhammer,  Barbara, Schlosser,  Tobias, Shorny,  Michael, Tosam,  Mbih Jerome
Ursula Baatz & Britta Saal Einführung Nur auf den ersten Blick scheinen Medizin und Philosophie miteinander wenig gemeinsam zu haben. Doch setzt Medizin – oder weiter gefasst: die Absicht zu heilen – ontologische, metaphysische und anthropologische Hypothesen über die Ursachen von Krankheit, die Arten der Diagnosestellung und die möglichen Therapieverfahren voraus. Dafür muss es Beschreibungen geben, die es erlauben, kurative Vorgaben für Menschen und ihre Beziehung zur Welt (Um- und Mitwelt) vorzugeben und dafür auch Gründe anzugeben. Denk- und Wissenssysteme spielen hier also eine entscheidende Rolle. Das macht Medizin zu einem hervorragenden Kandidaten für interkulturelle Perspektiven. Denn es gibt ja nicht nur die »westliche«, moderne Medizin, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts für sich das Monopol auf medizinische Erkenntnis beansprucht. Diese ist mitnichten das einzige medizinische System, das ausformulierte ontologische Prämissen vorzuweisen hat und umfangreich verschriftlicht ist. Die traditionelle chinesische Medizin oder die indisch-ayurvedische Medizin können sich auf eine umfangreiche philosophische Reflexion der Grundsätze und ein entsprechendes Corpus schriftlicher Tradition berufen, die in beiden Fällen sogar bis vor die abendländische Zeitrechnung zurückreicht. Die wieder­entdeckte traditionelle europäische Medizin kann sich auf antikes und mittelalterliches medizinisches Schrifttum berufen. Die traditionelle tibetische Medizin wiederum hat die antike bzw. mittelalterliche abendländische Medizintradition mit der chinesischen und indischen zu einer eigenen, eigenständigen Tradition verbunden und umfangreiche und bis heute relevante Standardwerke hervorgebracht. Trotzdem gelten die genannten Medizinsysteme für die zeitgenössische, sogenannte Biomedizin bestenfalls als »Komplementärmedizin« oder als »Alternativmedizin«. Noch weniger Chance auf Anerkennung haben Medizinsysteme ohne schriftliche Überlieferung – wie etwa die traditionelle afrikanische oder jegliche andere indigene Medizin. Für die medizinische Praxis hat dies weitreichende Folgen: Zum einen dominiert die naturwissenschaftlich fundierte, moderne Medizin in weiten Teilen der Welt vor allem in urbanen und industrialisierten Regionen, wobei der Zugang zu dieser modernen Medizin unter anderem aus sozialen und ökonomischen, aber auch aus verkehrstechnischen Gründen oft schwierig oder unmöglich ist. Zum anderen bestehen in den meisten Gegenden der Welt mehrere Medizinsysteme gleichzeitig nebeneinander – das moderne »westliche« genauso wie die traditionellen Medizinsysteme. Auch wenn die Erkenntnisse und Heilverfahren der modernen Medizin sichtbar erfolgreich sind, haben doch auch ältere und alternative Medizinsysteme nachweisliche Erfolge vorzuweisen, die allerdings oft nur unzureichend positiv kommuniziert werden. In den letzten Jahrzehnten haben in Europa und den USA ältere und alternative Medizinsysteme oft als Komplementärmedizin eine Nische gefunden oder werden in der Medizinethnologie unter soziologisch-ethnologischer Perspektive betrachtet. Die Dominanz der modernen, naturwissenschaftlich fundierten Medizin hängt u. a. auch mit dem Kolonialismus zusammen. Dieser Aspekt ist in den hier versammelten Beiträgen fast durchweg anzutreffen. Die moderne Medizin hatte zur Zeit der europäischen Kolonial­reiche aktiv Teil am »westlichen«, »weißen« Hegemonieanspruch. Eine noch immer anzutreffende grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber traditionellen Heilweisen seitens Vertreter/innen der naturwissenschaftlichen Biomedizin kann daher als ein tendenziell hegemoniales Dominanzgebaren interpretiert werden. Mit einer Ausblendung der epistemologischen Debatte im Bereich der Medizin werden also grundlegende Differenzen überspielt. Neben dem o. g. (post-)kolonialen Aspekt spielen auch wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle. So stellt die Pharmaindustrie, deren Grundlage die dominante biomedizinische Orientierung ist, in der Regel nicht unbedingt den Menschen und dessen Heilung in den Mittelpunkt, sondern ökonomische Faktoren. Eine weitere Differenz betrifft die erkenntnistheoretischen Prämissen. So gehört es beispielsweise zu den erkenntnistheoretischen Vorgaben der modernen Biomedizin, Ursachen von Krankheiten bzw. die Wirkstoffe von Medikamenten in ihre Faktoren zu zerlegen und einzeln zu untersuchen. Dies steht im Gegensatz zu traditionellen Medizinformen, bei denen Diagnose und Therapie zumeist auf dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren beruhen. Auch arbeitet die moderne Biomedizin mit quantitativen Methoden und sucht nach statistisch signifikanten Ergebnissen; individualisierte Medikamente gelten als Medizin der Zukunft. Für die traditionellen Medizin- und Heilsysteme, die sich in Diagnose und Therapie an der Interdependenz qualitativer Faktoren orientieren, sind jedoch individualisierte Rezepturen seit jeher üblich. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass ein medizinphilosophischer Polylog – ein Gespräch, bei dem die Teilnehmenden ihre unterschiedlichen Weltbilder, Prämissen und philosophischen Perspektiven als gleichberechtigt und gleichwertig einbringen – nur schwer zu verwirklichen oder gar einlösbar ist. Eine solche »ideale Kommunikationsgemeinschaft« ist selbst schon als regulative Idee unter Philosophinnen und Philosophen ein schwieriges Unterfangen. Die hier versammelten Beiträge illustrieren daher mehr als Beispiele das umrissene Konfliktfeld. Sie zeigen das Wirken von Interkulturalität unter anderem im Rahmen wechselseitiger Beeinflussung als auch in der (Aus-)Formulierung eigener (indigener) Positionen mit Bezug auf ›westliche‹ epistemologische Begriffe. Im ersten Beitrag von Vitus ­Angermeier geht es um einen spezifischen Aspekt des Ayur­veda: die Prävention. Dabei wird auf sehr interessante Weise deutlich, welchen signifikanten Einfluss die Kolonialisierung auf die Modernisierung des traditionellen indisch-­ayurvedischen Medizinsystems hatte. Es folgt im zweiten, englischsprachigen Beitrag von Mbih Jerome Tosam ein Einblick in die traditionelle afrikanische Medizin (TAM). Kritische Reflexionen zum Kolonialismus spielen hier ebenso eine Rolle wie die Auseinandersetzung mit der westlich-wissenschaftlichen Medizin. Anhand eines sehr konkreten Fallbeispiels setzt sich Josef Estermann im dritten Beitrag mit den philosophischen Hintergründen andiner Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Genesung auseinander. Mit einem Sprung nach Kanada wird der Heilungsbegriff im vierten Beitrag von Barbara Schellhammer etwas weiter gefasst und verbunden mit Überlegungen zur Heilung des transgenerationalen Traumas des indigenen Genozids. Im fünften Beitrag setzt sich Tobias Schlosser sehr explizit mit der kolonialen Vereinnahmung anderer Regionen, hier v. a. Südamerika, seitens Europa auseinander und stellt, daran anknüpfend, Überlegungen zum Phänomen des Kannibalismus als Krankheit an. Den Abschluss des Thementeils bildet der Beitrag von Damian Peikert, der sich mit dem japanischen Konzept der klinischen Philosophie befasst und damit auf sehr philosophische Weise die Thematik Philosophie als Medizin behandelt. Auch wenn in den Beiträgen weniger die verschiedenen – moderne naturwissenschaftliche, ältere, traditionelle, alternative etc. – Medizinformen miteinander ins Gespräch gebracht werden, so sticht, wie gesagt, die Beziehung zwischen Kolonialismus und moderner »westlicher« Biomedizin hervor. Diese Beziehung herauszustellen, war nicht intendiert, sondern ergab sich anhand der Einreichungen. Jedoch zeigt dies deutlich, dass ein philosophischer Polylog und eine konzeptuelle Dekolonisierung (Wiredu) gerade auch medizinphilosophisch durchaus Relevanz besitzen.
Aktualisiert: 2020-12-31
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«inter»

«inter» von Baatz,  Ursula, Boteva-Richter,  Bianca, Imafidon,  Elvis, Kutlu,  Evrim, Roothaan,  Angela, Saal,  Britta, Shorny,  Michael, Wang,  Xu, Weidtmann,  Niels, Zschauer,  Anna
polylog 40 Winter 2018 »inter« B. Saal & B. Boteva-Richter Einleitung Niels Weidtmann Das »Zwischen« als der Ort wahrer Wirklichkeit Ein Plädoyer für das »Inter« in der Interkulturalität Elvis Imafidon Zwischen den Zutaten und dem Gericht als solchem: Philosophie an Orten und darüber hinaus Anna Zschauer »inter« als aisthetische Qualität Xu Wang Das Umdenken des Interpersonellen – Zhāng Zàis Konzeption des Qì (氣) Angela Roothaan Interkulturell, transkulturell, cross-cultural – warum wir alle drei Begriffe brauchen FORUM Evrim Kutlu Solidarität, Ausgleich und kosmopolitische Weltphilosophie nach Max Scheler Ursula Baatz Zu Raimon Panikkars hunderstem Geburtstag. Nr. 40 S. 97-98. REZENSIONEN Mădălina Diaconu Transkulturalität: eine Einführung . Zu: Wolfgang Welsch: Transkulturalität. Realität – Geschichte – Aufgabe. Nr. 40 S. 99-101. Franz Gmainer-Pranzl »Zur Welt kommen, einen Ort finden, sich positionieren …« Zu: Murat Ates, James Garrison, Georg Stenger, Franz Martin Wimmer (Hrsg.): Orte des Denkens – Places of Thinking. Nr. 40 S. 101-03. Mădălina Diaconu Gibt es eine kulturelle Identität? Zu: François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Nr. 40 S. 104-07. Andrzej Gniazdowski Philosophische Sterne und unsichtbares Selbst Zu: Bianca Boteva-Richter (Hrsg.): Gegenwartsphilosophie aus Ost-Europa. Nr. 40 S. 107-16. Philipp Thull Kampfplätze des Denkens statt Kampf der Kulturen Zu: Hamid Reza Yousefi: Kampfplätze des Denkens. Nr. 40 S. 117-18.
Aktualisiert: 2020-12-31
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«inter»2

«inter»2 von Baier,  Karl, Barboza,  Amalia, Boteva-Richter,  Biamca, Graneß,  Anke, Saal,  Britta, Schelkshorn,  Hans, Schirilla,  Nausikaa, Sevilla,  Anton Luis, Shorny,  Michael, Tomaschitz,  Wolfgang
Wolfgang Tomaschitz & Michael Shorny Was meinen wir mit »Inter«? – ein zweiter Anlauf Einleitung Polylog 41 Der bosnische Autor Dževad Karahasan bemerkt einmal, dass eine »allzu klare Bewusstheit« kultureller Identität immer an »ein gewisses Unbehagen« grenze. Das rühre daher, dass man diese Identität der »ständigen Anwesenheit von Menschen mit einer anderen Identität« verdanke. Die Beiträge zum ersten Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe legen den Verdacht nahe, dass auch eine Positionierung zwischen solchen Identitäten – in einer wie immer bestimmten Sphäre des »inter« – zu einem Unbehagen führen kann, das begrifflich erst bewältigt werden muss. In polylog 40 war mit der Frage »Was meinen wir mit dem ›inter‹ der interkulturellen Philosophie?« öffentlich zu einer Reflexion dieses Ansatzes eingeladen worden. In der aktuellen Ausgabe führen fünf Redakteurinnen diesen Polylog – der viel mit dem Gründungsimpuls der Zeitschrift zu tun hat – fort. Sie beziehen sich dabei sowohl auf die Beiträge der Nummer 40 als auch den redaktions-internen Austausch über diese Frage. Anke Graneß macht in ihrem Beitrag darauf aufmerksam, dass Begriffe des Inter-, Trans- und Multi-Kulturellen und auch der Begriff Kultur selbst zunehmend kontroversiell diskutiert werden und plädiert entschieden für eine Verortung des »inter« in der Sphäre der Interaktion von Individuen unter ganz konkreten gesellschaftlichen Bedingungen. Eine interkulturelle Philosophie, die nicht auch konkrete Machtverhältnisse bis in das Institutionelle und universitäre Strukturen thematisiere und bereit sei, diese auch zu verändern, verfehle ihrer Ansicht nach eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Amalia Barboza erinnert an das »große Versprechen« der Interkulturellen Philosophie, einen Weg aufzuzeigen, der es möglich mache, »zwischen verschiedenen Denktraditionen zu wandern, [...] um sich durch das Dazwischen der Diskurse kritisch zu bereichern« und auch dadurch die Welt mitzugestalten. Sie verweist dabei auf frühe Ansätze der Wissenssoziologie, die schon in der Gründungsphase Fragen nach der Seinsverbundenheit des Denkens bzw. nach den Möglichkeiten »freischwebender Intelligenz« bewegt habe und die in der Selbstreflexion interkulturellen Philosophierens hilfreich sein könnten. Auch bei Barboza erweitert sich das zunächst kulturelle Feld des »inter« zu einem politischen, sozialen und auch ästhetischen und sie folgert daraus die Notwendigkeit einer Öffnung zu empirischer Methodik. Nausikaa Schirilla teilt den anti-essentialistischen Ansatz ihrer Kolleginnen und betont die Notwendigkeit einer explizit politischen Perspektive, die aber auch als eine Herausforderung an die Theoriebildung zu verstehen sei. Als beispielgebende Ansätze, in welchen Kultur von Anfang an auch als Ausdruck von Machtverhältnissen betrachtet werde, bezieht sie sich auf Stuart Hall und Homi K. Bhabha. Die Integration dieser Ansätze in ein interkulturelles Philosophieren sei in vieler Hinsicht erst noch zu leisten. Bianca Boteva-Richter nähert sich der Frage des »inter« über eine stärker anthropologisch orientierte Erörterung, die auf die Arbeiten von Tetsurô Watsuji Bezug nimmt. Der Kern dieses Ansatzes liege darin, Menschsein als eine Struktur zu begreifen, die als ein »individuell-soziales Netzwerk« zu verstehen sei. Dieses Netzwerk oder diese Verbundenheit sei aber durch die Dynamik von Interaktionen bestimmt und könne in einer optimalen Variante – wie Boteva-Richter formuliert – als eine »korrelative, aktive Wissensteilhabe durch einen solidarischen, sich gegenseitig verstehenden, miteinander gleichwertig kommunizierenden Austausch im Zwischen der menschlichen Verbindungen« verstanden werden. Britta Saal argumentiert in ihrem Beitrag dafür, den topografischen Ort von Philosophie für die Darstellung der Dynamik einer Denkbewegung in die Ortlosigkeit (Mall) fruchtbar zu machen. Ihr Beitrag versucht eine Präzisierung der Begriffe Ort, Raum und Praxis des interkulturellen Philosophierens und betont dabei den ereignishaften, aktionistischen Aspekt dieses Unternehmens. Wo sich interkulturelles Philosophieren wirklich ereigne, geschehe das dadurch, dass sprechend und handelnd ein Anfang gesetzt werde, der einen »Inter-Raum«, eine Stätte eröffne, die es ohne philosophische Intervention nicht gebe. Mit in diesen Schwerpunkt gehört der Beitrag von Anton Luis Sevilla zur Aidagara-Ethik des japanischen Philosophen Watsuji Tetsurô (1889–1960). Der Autor spricht selbst von einer »Re-Lektüre« der Position Watsujis, in der die Funktion und die transformative Wirkung des Erzählens und Neu-Erzählens reflektiert werde. Ausgehend vom Begriff des »inter« entwirft Sevilla die Skizze einer narrativen Ethik und hebt deren psychologisch, historisch und sozial transformatives Potential hervor. Religiöse Erfahrung, säkulare Vernunft und Politik um 1900: Zwei Beiträge Der anderen Schwerpunkt dieser Ausgabe macht zwei Forschungsbeiträge von Hans Schelkshorn und Karl Baier zugänglich, die erstmals anlässlich der Tagung »Religiöse Erfahrung, säkulare Vernunft und Politik um 1900«, die im November 2017 von der Forschungsplattform Religion and Transformation in Contemporary Society der Universität Wien und dem Titus Brandsma Institut der Radboud Universität Nijmegen gemeinsam veranstaltet wurde, vorgestellt wurden. Beide Artikel machen die fast erschreckende Aktualität von Fragen deutlich, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewegt haben und deren Lösung wir seither kaum näher gekommen sind. Karl Baiers Beitrag befasst sich mit Swami Vivekananda (1863–1902), einer Galionsfigur des Neohinduismus, und analysiert dessen Werk im Kontext nationalistischer Tendenzen und der Bestrebung einer Erneuerung des Hinduismus, die mit einer zum Teil radikalen Neuinterpretation der Traditionen einherging, und im Kontext eines Ansatzes, den Baier als »szientistische Erfahrungsreligiosität« bezeichnet, die das Einholen religiöser Inhalte durch meditative Methoden und dadurch deren wissenschaftliche Fundierung für möglich halte. Hans Schelkshorn stellt das Werk des aus Uruguay stammenden Essayisten José Enrique Rodó (1871–1917) vor, der durch seine kulturphilosophischen Arbeiten im südlichen Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts entscheidend zu einer Neubewertung religiöser Sinnhorizonte beigetragen hat und dessen »Appell zu einem ethisch-spirituellen Aufbruch« die lateinamerikanischen Philosophien des 20. Jahrhunderts, bis hin zur Theologie der Befreiung, inspiriert hat.
Aktualisiert: 2020-12-31
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Orte des Denkens / Places of Thinking

Orte des Denkens / Places of Thinking von Ates,  Murat, Bruns,  Oliver, Cioflec,  Eveline, Dittrich,  Christoph, Dömötör,  Jessica, Elfenbein,  Madeleine, Garrison,  James, Graneß,  Anke, Han,  Choong-Su, Holme,  Hannah, Hostettler,  Karin, Hubatschke,  Christoph, Ikeda,  Takashi, Janz,  Bruce, Kaelin,  Lukas, Kuchler,  Karin, Menditto,  Giuseppe, Nehra,  Pritika, Saal,  Britta, Schlitte,  Annika, Steinschaden,  Fabian, Stenger,  Georg, Vögele,  Sophie, Wimmer,  Franz Martin, Yagi,  Tsutomu Ben
Denken geschieht an einem Ort. Zugleich gilt es zu bedenken, was einen Ort zum ›Ort‹ werden lässt. Offenbar setzt also das Denken, wie auch jedes Sprechen und Handeln, einen Standort bzw. einen Standpunkt voraus, die selbst wiederum zum Thema philosophischer Betrachtung werden bzw. gemacht werden müssen. Dabei kann freilich "Ort" ein Mehrfaches bedeuten, etwa den Körper, die politische Schicht, den sozialen Status, das sozialisierte Geschlecht, die Sprache, kulturelle Geflechte, Lebenswelten und nicht zuletzt geographische Landschaften sowie geschichtliche Zeiträume. All dies sind – je nach Konstellation – Orte, die das Denken bedingen. Andererseits haben verschiedene Denkweisen in der Geschichte und Gegenwart immer wieder den Anspruch erhoben, universal zu agieren, d. h. in Unabhängigkeit von allen Milieus, Räumen, Zeiten, Sprachen, Geschlechtern usw. diese überschreiten zu können. Von dieser vielschichtigen Fragestellung ausgehend setzt der vorliegende Band diesseits inter- wie trans"kultureller" Selbstverständigungen an. Anstatt jedoch von einer antagonistischen Gegenüberstellung auszugehen, wonach man sich einer der beiden Diskurslandschaften – wie etwa Universalismus hier, Relativismus/Partikularismus dort – anzuschließen hätte, wird hier vielmehr die Abhängigkeit und Reziprozität beider betont. In diesem Sinne, und dies wäre der Leitfaden dieses Buches, bedeutet "Ort/e des Denkens" zugleich "Denken des Ortes wie der Orte".
Aktualisiert: 2023-02-14
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Polylog denken

Polylog denken von Gmainer-Pranzl,  Franz, Saal,  Britta
Interkulturelles Philosophieren ist gekennzeichnet durch ein Streben nach Vorurteilslosigkeit, ein macht- und diskurskritisches Bewusstsein sowie Neugierde auf fremde kulturelle Traditionen und intellektuelle Ansätze. Franz Martin Wimmer hat diese polyloge Haltung interkulturellen Philosophierens in einer „Minimalregel“ zum Ausdruck gebracht: „Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren.“ Diese Minimalregel und die damit verbundenen Anstöße werden von Philosoph*innen und von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen untersucht und im Licht möglicher Weiterentwicklungen reflektiert.
Aktualisiert: 2023-04-05
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Transkulturelle Genderforschung

Transkulturelle Genderforschung von Mae,  Michiko, Saal,  Britta
Das Buch behandelt aus verschiedenen disziplinären und auf unterschiedliche Kulturen gerichteten Perspektiven die enge Verknüpfung der diskursiven Kategorien Kultur und Gender. Wenn in der heutigen Situation einer zunehmenden Globalisierung die Frage nach der ‚eigenen‘ Kultur in Abgrenzung zum kulturellen ‚Anderen‘ gestellt wird, kommt immer auch die Genderfrage zum Vorschein, weil die jeweilige Geschlechterordnung als eine Stütze der ‚eigenen‘ Kultur verstanden wird. Und wenn diese Geschlechterordnung in Frage gestellt wird, erscheint auch die kulturelle Identität als bedroht. Diese Verwobenheit gilt es als ein kulturübergreifendes Phänomen zu erkennen. Expertinnen aus verschiedenen Disziplinen wie Literatur- und Kulturwissenschaften, Soziologie, Sozialanthropologie und Religionswissenschaft untersuchen die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Bedingungen der Genderverhältnisse in acht Kulturkreisen; sie zeigen, wie das kulturell ‚Eigene‘ immer durch seinen Bezug auf das kulturell ‚Andere‘ geprägt wird. Durch diese Sichtbarmachung der grenzüberschreitenden Verflechtungen kann die transkulturelle Verfasstheit von Kultur zu einem neuen Bezugspunkt für die Genderforschung werden, und die Genderverhältnisse können aus ihrer Bindung an die Definitionsmacht einer spezifischen Kultur herausgelöst werden.
Aktualisiert: 2023-03-15
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Philosophieren mit Kindern weltweit

Philosophieren mit Kindern weltweit von Biswas,  Tanu, Emel,  Ezgi, Heiser,  Jan Christoph, Jackson,  Thomas E, Reed-Sandoval,  Amy, Saal,  Britta, Shorny,  Michael, Taketo,  Tabata, Thielmann,  Anja, Weidtmann,  Niels
Nausikaa Schirilla: Editorial Interkulturelles Philosophieren setzt sich nicht nur mit Philosophien verschiedener Orte der Erde auseinander, sondern auch mit Formen und Darstellungsformen der Philosophie. In einer eurozentrismuskritischen Perspektive wird deutlich, dass die Privilegierung bestimmter Darstellungsformen der Philosophie in der abendländischen Geschichte zugleich andere Formen – und damit auch kulturelle Traditionen – ausschließt. Daher widmeten sich einige Schwerpunkte von polylog diesen Themen, wie »Formen des Philosophieren« (Nummer 15) oder »Verhältnis von Kunst und Philosophie« (Nummer 35). Doch die Frage nach Formen des Philosophierens stellt nicht nur eine interkulturelle sondern auch eine intrakulturelle Thematik dar. In welchem Formen Philosophie auftritt, ist eine wichtige – wenn auch relativ wenig diskutierte – Frage in der Geschichte der abendländischen Philosophie. Damit verbunden ist die Frage nach den Adressaten von Philosophie, so ist auch die Frage nach dem Philosophieren mit Kindern für uns interessant. Philosophieren mit Kindern wird in jüngerer Zeit verstärkt thematisiert und zwar nicht nur in didaktischer Perspektive, sondern auch hinsichtlich von Fragen nach dem Gegenstand von Philosophie und dem Prozess des Philosophierens. In dieser Nummer nähern wir uns der Frage wiederum in einer interkultureller Perspektive. Die vorliegende Nummer enthält Beiträge zum Philosophieren mit Kindern, dabei liegt der Fokus auf dem »philosophy for children – p4c«-Ansatz, der auch international organsiert ist. In der aktuellen Nummer wird im Zusammenhang dieser Bewegung der Versuch unternommen, das Konzept in verschiedenen kulturellen Kontexten umzusetzen und zu reflektieren. Damit spiegelt der Thementeil einen internationalen Diskussionsprozess zu dem Konzept wider, in dem auch interkulturelle Fragen deutlich werden. Im Fokus stehen weniger eine philosophische Herleitung des Konzepts, sondern praktische und didaktische Fragen, die wiederum philosophisch reflektiert werden. Daher enthält der Band auch Erfahrungsberichte, didaktische Überlegungen und konkrete Schilderungen des politischen und sozialen –nicht nur kulturellen – Kontexts des Philosophierens mit Kindern an verschiedenen Orten der Erde. Wir danken Britta Saal für die Zusammenstellung des Thementeils dieser Ausgabe und Anja Thielmann für ihre Unterstützung. Im Forumteil thematisiert Niels Weidtmann Gerechtigkeit in interkultureller Perspektive und argumentiert, dass der Ausgangspunkt einer Idee der universalen Gerechtigkeit in der Begegnung von Ich und Anderem und damit im Tätigsein des Menschen oder in der menschlichen Praxis liegt. Im zweiten Beitrag reagiert Jan Christoph Heiser auf die polylog-Nummer zu Interkultureller Kompetenz und setzt sich kritisch mit dem »Kompetenzgerede« auseinander und kritisiert die im Kompetenzbegriff enthaltene Outputorientierung von Interkulturellem Lernen. Dem setzt er einen Begriff des Lernen als brüchigen und transitorischem Prozess entgegen. Im Medienteil sind wieder viele sehr unterschiedliche Buchtipps und Rezensionen zu finden. Abstracts aller Beiträge, ein ausgewählter Beitrag und alle Rezensionen und Buchtipps sind auf der Website der Zeitschrift www.polylog.net verfügbar. Der Thementeil der nächsten Nummer wird einem philosophiegeschichtlichem Thema gewidmet sein, nämlich der Relevanz des Achsenzeitkonzepts für interkulturelles Philosophieren. Ab der Nummer 39 wird polylog zu einer peer-review-Zeitschrift. Für die Thementeile wird es einen Call geben, die Calls für die Themen »Urbanität« und »Rechte/identitäre Ideologien« sind auf der Website (www.polylog.net) herunterzuladen. Wir freuen uns aber auch nach wie vor über freie Artikeleinsendungen, die wir auch einer Begutachtung unterziehen. Wir wünschen eine interssante Lektüre! Für die Redaktion Nausikaa Schirilla
Aktualisiert: 2020-12-31
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Polylog denken

Polylog denken von Gmainer-Pranzl,  Franz, Saal,  Britta
Interkulturelles Philosophieren ist gekennzeichnet durch ein Streben nach Vorurteilslosigkeit, ein macht- und diskurskritisches Bewusstsein sowie Neugierde auf fremde kulturelle Traditionen und intellektuelle Ansätze. Franz Martin Wimmer hat diese polyloge Haltung interkulturellen Philosophierens in einer „Minimalregel“ zum Ausdruck gebracht: „Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren.“ Diese Minimalregel und die damit verbundenen Anstöße werden von Philosoph*innen und von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen untersucht und im Licht möglicher Weiterentwicklungen reflektiert.
Aktualisiert: 2023-02-20
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Kultur, Tradition, Moderne im Spiegel postkolonialer Differenzbewegungen: Eine interkulturelle Kritik der Moderne

Kultur, Tradition, Moderne im Spiegel postkolonialer Differenzbewegungen: Eine interkulturelle Kritik der Moderne von Saal,  Britta
Eingebttet in den rahmen der interkulturellen Philosophie und mittels Einbeziehung postkolonialer Ansätze wird in dem vorliegenden Band der Versuch einer interkulturellen und dekolonialen Kritik der Moderne unternommen. Die eingenomme Perspektive auf die Moderne nimmt vorzugsweise die nicht-europäischen Sichtweisen und Erfahrungshorizonte der Moderne zum Ausgangspunkt, um so den komplexen Zusammenhang von Moderne, Expansion, (Kultur-)Nationalismus, Kolonisierung und Interkulturalität in seinem ganzen Ausmaß thematisieren zu können. Die Hauptanliegen dabei sind, sowohl die interkulturelle Verfasstheit als auch den repressiven Aspekt der Moderne offenzulegen sowie eine alternative Auffassung der Moderne vorzuschlagen, die durch Verhandlung, Verwobenheit, Polylog, Positionierung und Beziehung gekennzeichnet ist. Da es hierbei vor allem um die Einbeziehung der 'Anderen' geht und darum, die Moderne anders zu fassen, wir diese Auffassung als Altermoderne bezeichnet. Im Rahmen einer konzeptuellen Dekolonisierung werden altermoderne Alternativen zu den modernen Konzepten Rationalität, Subjekt und Humanismus formuliert, die sich vor allem durch Relationalität, Dialogizität und Inklusivität auszeichnen. Altermodernität in diesem Sinne ist die Bezeichnung für den Willen und die Bereitschaft, sich auf eine interkulturelle und dekoloniale Weltgemeinschaft einzulassen.
Aktualisiert: 2019-03-15
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